Die 136 superlativsten Programmideen der Dritten

Es ist noch nicht so lange her, da musste man sich Sorgen machen um die Dritten Programme. Es schien, als wäre ihnen ein bisschen der Sinn und das Ziel verloren gegangen — jenseits der bunten Regionalberichte im Vorabendprogramm jedenfalls. Mit ernsten Themen und sperrigen Formaten ließen sich nicht die entscheidenden guten Quoten machen; Experimente bargen jedesmal die Gefahr, dass sie schiefgehen könnten; bald würde auch der letzte Ameisenbär im letzten Zoo beim Wiegen gefilmt worden sein, und besonders sensible Verantwortliche ahnten, dass sich nicht einmal mit „Tatort“-Wiederholungen allein auf Dauer ein Programm machen ließe, für das die Menschen Gebühren zahlen.

Zum Glück fand sich dann aber doch eine vielabendfüllende Aufgabe: Die Dritten Programme sortieren unsere Welt in Hitparaden.

Sie zerlegen sie in ihre Bestandteile, bereinigen sie von komplizierten Zusammenhängen und Kontexten, sortieren sie nach Beliebtheit und lassen sie von Leuten kommentieren, die nichts mit ihnen zu tun haben.

Es ist eine Aufgabe, die an Macher und Zuschauer eigentlich nur zwei Ansprüche stellt: Ausdauer und den Mut zur Anspruchslosigkeit. Und so füllen diese Listen-Formate, die aus dem Privatfernsehen eingeschleppt wurden, inzwischen die meisten Dritten Programme und sorgen dort für eine umfangreiche Versteppung. Im NDR, der früh auf dieses Format gesetzt hat, haben sie ihren Höhepunkt inzwischen offenbar überschritten. Aber der WDR, der wie kaum ein anderer öffentlich-rechtlicher Sender weiß, wie man seine Zuschauer unterfordert, hat für diese Monokultur inzwischen breite Schneisen in sein Programm gerodet.

Im WDR läuft allein in diesen Tagen: „99 Lieblingsorte in Nordrhein-Westfalen“, „Die 30 tollsten Haus- und Hoftiere“, „Die beliebtesten Bauernhöfe in Nordrhein-Westfalen“, „Die 40 beliebtesten Burgen und Schlösser in Nordrhein-Westfalen“, „Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen“, „Die beliebtesten Liedermacher der Nordrhein-Westfalen“, „Die beliebtesten Schlagerduos der Nordrhein-Westfalen“ und „Die beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen“.

Aus diesem, äh, Anlass folgt eine — vermutlich unvollständige — Übersicht über die Hitlisten-Sendungen, die seit Anfang des vergangenen Jahres in der ARD gelaufen sind und, soweit ich es herausgefunden habe, die jeweiligen Erstplatzierten. (Wiederholungen im Tages- oder Nachtprogramm sind nicht aufgeführt.)

Das Erste
17.03.11 Die beliebtesten Volksschauspieler der Deutschen
09.06.11 Die beliebtesten Komiker der Deutschen
24.11.11 Die beliebtesten Showmaster der Deutschen
19.04.12 Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen
NDR
02.01.11 Die schönsten Evergreens des Nordens „Dancing Queen“
04.03.11 Legendäre Interviews und Talks „Strunz ist wie eine Flasche leer, ich habe fertig!“
07.03.11 Was den Norden bewegte Grenzöffnung, 1989
19.04.11 Die schönsten Bauernhöfe Norddeutschlands Hof Neversfelde, SH
25.04.11 Die besten Witze des Nordens, Bauern-Witze
03.05.11 Die bewegendsten TV-Momente 1953 bis 2010 11. September 2001
17.05.11 Die beliebtesten Fernsehpaare Jan Fedder & Peter Heinrich Brix
03.06.11 Die beliebtesten Kultschlager „Dschinghis Khan“
05.06.11 Die schönsten Inseln Norddeutschlands Juist
13.06.11 Die besten Witze aus der DDR Ausgefallener Wunsch
07.08.11 Die größten Popsongs des Nordens „Nordisch by Nature“
01.01.12 Die erstaunlichsten Dörfer Norddeutschlands
15.01.12 Die schönsten Fernsehmomente
15.01.12 Die beliebtesten Kultschlager „Dschinghis Khan“
17.02.12 Die besten Comedy-Momente aus den Talkshows
25.03.12 Die schönsten Naturparadiese des Nordens
08.04.12 Die schönsten Inseln Norddeutschlands
WDR
04.01.11 Die 50 größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
12.01.11 Die beliebtesten Schlagerstars aus Nordrhein-Westfalen Wolfgang Petry
19.01.11 Die beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen Hans Rosenthal
26.01.11 Die beliebtesten TV-Reporter der Nordrhein-Westfalen Hanns Joachim Friedrichs
13.02.11 Die 50 beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen Viva Colonia
23.02.11 Die beliebtesten Karnevalsstars aus Nordrhein-Westfalen Colonia Duett
16.03.11 Die beliebtesten Ruhrpottlieder in Nordrhein-Westfalen „Bochum“
30.03.11 Die beliebtesten Ruhrpottgrößen aus Nordrhein-Westfalen Herbert Grönemeyer
24.04.11 Die 25 beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen Hans Rosenthal
25.04.11 Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
13.06.11 Die 30 beliebtesten Urlaubsziele der Nordrhein-Westfalen Nordseeküste
15.06.11 Die beliebtesten TV-Paare der Nordrhein-Westfalen Evelyn Hamann und Loriot
22.06.11 Die beliebtesten Fußballvereine in Nordrhein-Westfalen Borussia Dortmund
23.06.11 Die 25 beliebtesten Schlagerstars der Nordrhein-Westfalen Udo Jürgens
29.06.11 Die beliebtesten Städte in Nordrhein-Westfalen Münster
13.07.11 Die größten Fernsehpannen der Nordrhein-Westfalen WC…T
27.07.11 Die beliebtesten TV-Ärzte der Nordrhein-Westfalen „Die Schwarzwaldklinik“
03.08.11 Die beliebtesten Mundarten der Nordrhein-Westfalen Ruhrdeutsch
17.08.11 Die beliebtesten TV-Sketche der Nordrhein-Westfalen Regenlied Rudis Tagesshow
24.08.11 Die beliebtesten Liedermacher der Nordrhein-Westfalen Reinhard Mey
31.08.11 Die beliebtesten Bauernhöfe in Nordrhein-Westfalen Vennhöfe
01.11.11 Die 25 beliebtesten Ruhrpott-Größen der Nordrhein-Westfalen Herbert Grönemeyer
01.11.11 Die beliebtesten Fernsehfamilien der Nordrhein-Westfalen Familie Tetzlaff / „Ein Herz und eine Seele“
02.11.11 Die beliebtesten Millowitsch-Theaterstücke der Nordrhein-Westfalen „Der Etappenhase“
13.11.11 Willy Millowitsch – seine besten Rollen „Willy, der Schlagerstar“
18.12.11 Die 50 beliebtesten Weihnachtslieder der Nordrhein-Westfalen „Stille Nacht, heilige Nacht“
20.12.11 Die beliebtesten TV-Gesichter 2011
01.01.12 Die beliebtesten Bauernhöfe der Nordrhein-Westfalen Vennhöfe
11.01.12 Die beliebtesten Hits der Neuen Deutschen Welle Nena: 99 Luftballons
18.01.12 Die beliebtesten Musicals der Nordrhein-Westfalen Starlight Express
25.01.12 Die ersten TV-Auftritte Ihrer Stars Hape Kerkeling
01.02.12

Die beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen Viva Colonia
08.02.12 Die beliebtesten Karnevalssitzungen der Nordrhein-Westfalen
11.02.12 Die jecksten Karnevalsbands aus Nordrhein-Westfalen
17.02.12 Die beliebtesten Karnevalsstars aus Nordrhein-Westfalen
18.02.12 Die beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen
22.02.12 Die beliebtesten Kabarettisten der Nordrhein-Westfalen Jürgen Becker
29.02.12 Die größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
07.03.12 Die beliebtesten Landschaften in Nordrhein-Westfalen Sauerland
14.03.12 Die beliebtesten Burgen und Schlösser in Nordrhein-Westfalen Schloss Nordkirchen
29.03.12 Die beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen Kölner Zoo
04.04.12 Die beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen Heinz Rühmann
11.04.12 Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen
18.04.12 Die beliebtesten Neue Deutsche Welle-Hits der Nordrhein-Westfalen
HR
01.01.11 Die beliebtesten Dialekte der Hessen
11.01.11 Hessens beliebteste Bauwerke Schloss Auerbach
11.01.11 Hessens schönste Feste Hessentag
22.02.11 Die schönsten Ausflugsziele der Hessen Geopark Bergstraße-Odenwald
23.02.11 Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen
03.04.11 Hessens beliebteste Ausflugsziele Geopark Bergstraße-Odenwald
22.04.11 Die schönsten Kirchen in Hessen Limburger Dom
25.04.11 Die beliebtesten Komiker der Hessen Badesalz
22.06.11 Hessens beliebteste Sportler Timo Boll
27.06.11 Die schönsten Sportmomente der Hessen
06.07.11 Die beliebtesten Fußball-Lieder der Hessen
12.07.11 Die beliebtesten TV-Paare
13.07.11 Die beliebtesten Reiseziele der Hessen Ostseeküste
18.07.11 Die beliebtesten Fernsehfamilien
25.07.11 Unsere beliebtesten Hunde
10.08.11 Die ungewöhnlichsten Spektakel der Hessen
03.10.11 Die beliebtesten Volksschauspieler der Deutschen
11.12.11 Die Lieblingsgerichte der Hessen Grüne Soße mit Kartoffeln und Ei
14.12.11 Die größten Hessen
19.12.11 Die beliebtesten Weihnachtslieder der Hessen
20.12.11 Die schönsten Bauernhöfe der Hessen
26.12.11 Die schönsten Schlösser in Hessen
29.12.11 Die beliebtesten Klassiker des Kinderfernsehens Sendung mit der Maus
30.12.11 Die beliebtesten Komiker der Hessen
31.12.11 Die beliebtesten Stimmungslieder
04.01.12 Die beliebtesten Heimatfilme der Hessen
05.01.12 Die beliebtesten Dialekte der Hessen
05.01.12 Die unglaublichsten Orte der Hessen
09.01.12 Die beliebtesten Liebeslieder der Hessen
05.01.12 Die ungewöhnlichsten Spektakel der Hessen
11.01.12 Die beliebtesten Hausmittelchen der Hessen
08.02.12 Die besten Büttenreden der Hessen
16.02.12 Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen
17.02.12 Die beliebtesten Stimmungslieder der Hessen
28.02.12 Die Lieblingsgerichte der Hessen
20.03.12 Die beliebtesten Schlösser in Hessen
06.04.12 Die beliebtesten Städte in Hessen
09.04.12 Die schönsten Landschaften in Hessen
RBB
12.01.11 Die 30 tollsten Erfindungen Fernseher
26.01.11 Die 30 größten Berliner Aufreger Mauerbau
23.02.11 Die 30 lustigsten Lieder
16.03.11 Die 30 erstaunlichsten Berliner Straßen Kurfürstendamm
23.03.11 Die 30 schönsten Brandenburger Bräuche Osterfeuer
13.04.11 Die 30 schönsten Brandenburger Bauwerke Schloss Sanssouci
20.04.11 Die 30 tollsten Haus- und Hoftiere Promenadenmischung
25.05.11 Die 30 beliebtesten Berliner Plätze Gendarmenmarkt
11.06.11 Die 30 legendärsten Fernsehshows Dalli Dalli
26.06.11 Die beliebtesten Kultschlager
06.07.11 Die 30 schrägsten Frisuren Atze Schröder
13.07.11 Die 30 beliebtesten Hobbys
03.08.11 30 x verschwundenes Berlin Stadtschloss Berlin
10.08.11 Die 30 schönsten Modesünden
05.10.11 Die 30 schönsten Brandenburger Ausflugsziele Spreewald-Dorf Lehde
12.10.11 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger Udo Jürgens
02.11.11 Die beliebtesten TV-Ärzte
09.11.11 Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken Die Oberbaumbrücke
03.12.11 Die 30 verrücktesten Sammelobjekte Miniaturklaviere
14.12.11 30 Gründe, Weihnachten zu lieben Weihnachten in der Familie
18.01.12 Die 30 schönsten Brandenburger Bräuche Osterfeuer
25.01.12 Die 30 größten Berliner Aufreger
01.02.12 Die 30 lustigsten Lieder I
08.02.12 Die 30 lustigsten Lieder II
15.02.12 Die 30 tollsten Tänze
26.02.12 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger XXL
29.02.12 Die 30 erstaunlichsten Berliner Straßen
10.03.12 30 x schönes Deutsch Berlinerisch
14.03.12 Die 30 schönsten Berliner Aussichtspunkte Fernsehturm
21.03.12 Die 30 schönsten Freizeit-Vergnügen
11.04.12 Die schönsten Brandenburger Landschaften
18.04.12 Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken Die Oberbaumbrücke
26.02.12 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger

 
(Keine Ahnung, ob es sich etwa bei „Die schönsten Ausflugsziele der Hessen“ und „Hessens beliebteste Ausflugsziele“ um dieselbe Sendung handelte. Beide liefen innerhalb von sechs Wochen in der Primetime und wurden in den folgenden Tagen insgesamt sieben mal wiederholt. Ich kann auch nicht sagen, ob sich der WDR für die Ballung von karnevalistischen Hitlisten in Genf eine Ausnahmegenehmigung von der Menschenrechtskonvention besorgt hat.)

Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich beim Auflisten nicht Sorge hatte, verrückt zu werden, muss ich ihnen antworten: Nicht so sehr wie beim Ansehen der Sendungen.

Moderator am WDR-Fließband ist konsequenterweise Thomas Bug, der etwa gegen Ende des Countdowns der „beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen“ folgende Überleitung von Romy Schneider zu Heinz Rühmann auf Platz 1 schafft:

„Was für eine Frau. Ein-zigartig. Und wo die Eins hier quasi schon so mitschwingt, bleiben wir ein-fach Spitze auf der Besetzungsliste der beliebtesten Schauspieler.“

Die Sendung in der vergangenen Woche mit den „beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen“ hatte er tatsächlich mit folgenden Worten begonnen:

Eigenlob stinkt, ich weiß, aber heut wird die Sendung wirklich tierisch gut.

Die neue Show-Vielfalt im ZDF

Die Nachrichtenagentur dpa hat den neuen ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler per E-Mail unter anderem nach der Zukunft von Jörg Pilawa gefragt.

Norbert Himmler: „Pilawa präsentiert derzeit ‚Rette die Million!‘ und dann eine neue Staffel der ‚Quizshow mit Jörg Pilawa‘, in der es für die Kandidaten um Grips und sportliche Leistung geht. Es folgt die neue Spielshow ‚Der Super-Champion 2012‹ und die Fortsetzung von ‚Deutschlands Superhirn‘. Zudem haben wir für den Herbst ‚Der neue deutsche Bildungstest‘ geplant.“

Man kann die häufig gedachte Frage „Merken die noch was?“ also getrost mit „Nein“ beantworten.

Das Hornauer Schießen

Sehr geehrter Herr Niggemeier, wir vertreten Herrn Thomas Hornauer. In Ihrem Medienblock "Stefan Niggemeier" führen Sie unter der Überschrift "Thomas Hornauer" unter anderem folgendes aus: "Herr Thomas Hornauer ist am ehesten wohl mit den traurigen wirren Monologisierern, die entweder in der Mitte der Fußgängerzone zur Welt predigen oder am Rand der Fußgängerzone zu ihrem Bier. [...] Lesen ist nicht seine Stärke, aber Reden, Gucken, Charisma ausstrahlen auch nicht. Richtig gut ist er nur im peinliche Momente entstehen lassen und Geld verdienen."

So fängt das Schreiben an, das ich im vergangenen Oktober bekommen habe. Und lustig ist — neben allem anderen — schon mal, dass es sich bei dem kursiven Text zwischen den Anführungszeichen nicht, wie man annehmen sollte, um ein wörtliches Zitat handelt.

Herr Thomas Hornauer hatte über einen eigenen, „bewusstseinserweiternden“ Fernsehsender unter anderem dazu aufgerufen, ihm per kostenpflichtigem Anruf Geld als „Energieausgleich“ zukommen zu lassen. Seine Anwälte wiesen mich nun darauf hin, dass ich ihren Mandanten als „Scharlatan“ bezeichnet hätte. Dies stelle eine unzulässige Schmähkritik dar. Unzulässig sei auch, dass ich schrieb:

„Herr Thomas Hornauer fällt durch Verbindungen zu sektenähnlichen Gruppen auf.“

(Satz auch eher aus dem Gedächtnis zitiert.)

Dies sei jedenfalls unwahr. Ich sollte eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abgeben und insgesamt 1.196,43 Euro Rechtsanwaltsgebühren zahlen.

(Immerhin sollte ich diesmal nicht für das Wort „Fisselhaare“ blechen.)

Mein Anwalt antwortete:

Erstens scheine Herrn Hornauer die Sache „nicht sonderlich dringlich“ zu sein. Der Text (der ursprünglich aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ stammt) sei über dreieinhalb Jahre alt, und Hornauer habe aus meinem Blog sogar schon vor Jahren im Fernsehen vorgelesen.

Zweitens enthalte der Text keine Schmähkritik — der „erforderliche Sachbezug“ sei das teils justiziable Geschäftsgebaren Hornauers und die Art, wie er sich öffentlich präsentiere.

Drittens enthalte der Text keine unwahren Tatsachenbehauptungen.

Ich hatte gedacht, die Sache wäre damit erledigt. Aber Hornauer verklagte mich. Ich bekam eine Vorladung zur mündlichen Verhandlung vor dem Landgericht Stuttgart.

Es ging nun nicht mehr um die Fußgängerzone, das Bier, das Lesen und das Charisma. Es ging nur noch um die sektenähnlichen Gruppen („Der Kläger hat keinerlei Verbindungen zu sektenähnlichen Gruppen“) und den „Scharlatan“ („Es ist nicht erkennbar, inwiefern mit der Bezeichnung ‚Scharlatan‘ eine Auseinandersetzung in der Sache geführt werden soll“).

Die Erwiderung wurde dann etwas länger. Auf insgesamt 15 Seiten (ohne Anlagen) erklärte mein Anwalt, warum die Klage fehlerhaft beantragt, ein möglicher Anspruch verwirkt und die Formulierung als Meinungsäußerung zulässig sei.

Ich glaube aber, er hatte besonderen Spaß daran, die Absätze zu formulieren, in denen es um den „hinreichenden sachlichen Bezug“ meiner Formulierung geht, Hornauer habe Verbindungen zu sektenähnlichen Gruppen:

Bei der „Wankmiller-Sekte“, die sich auch selbst als „Stamm der Likatier“ bezeichnet, handelt es sich um eine kommunenähnliche Lebensgemeinschaft, die 1974 von dem ehemaligen Hausmeister Wolfgang Wankmiller gegründet worden ist.

Wankmiller fungiert bis heute als ihr Oberhaupt und hält sich für eine Reinkarnation von Jesus, Einstein und Ludwig II.
Diese Gruppierung wird von Kritikern und Medien als „Sekte“ bezeichnet, denn die Mitglieder hängen einer eigenen esoterischen Weltanschauung an, haben sich eine eigene Zeitrechnung gegeben und eine eigene Währung. (…)

Zu dieser Sekte hat der Kläger auch nachweisliche Verbindungen, die er selbst eingeräumt hat.

Zudem habe das Verwaltungsgericht Stuttgart 2007 in seinem Urteil über die Zwangseinstellung von Hornauers Fernsehsender festgestellt:

Es sollten „Heilungsgottesdienste“ gesendet werden, wohingegen Polizeireporte aus dem Programm entfernt werden sollten, weil diese zu viel „negative Energie“ verbreiteten.

Der Sender sollte zum „Lichtsender“ werden, zum „Sprachrohr Gottes“. „Es sollten jeden Tag 1.500 Leute ins Studio kommen, um dort geheilt zu werden; er [Hornauer] habe die besten Heiler an der Hand.“ Zudem habe der Sender „auch drei Tage lang (von Donnerstag bis Samstag) Heilungsgottesdienste vom ‚G.-Forum‘ in Stuttgart mit einem Wunderheiler aus W. aufgezeichnet…“

Mein Anwalt folgerte:

Angesichts all dieser feststehenden Fakten hat die Meinungsäußerung, er [Hornauer] unterhalte Kontakte zu sektenähnlichen Gruppen, jedenfalls einen ausreichenden Tatsachenbezug und stellt damit keine Schmähkritik dar.

Und was den „Scharlatan“ angeht, schrieb mein Anwalt nach längerer Hinführung:

Wer aber gegen Geld Wahrsagerei anbietet und sich überdies als „Herrscher“ und „Retter“ bezeichnen lässt, muss es auch hinnehmen, wenn man ihn einen Scharlatan nennt.“

Ich weiß nicht, was dieses Schreiben bei der Gegenseite ausgelöst hat. Man möchte einem Menschen wie Hornauer ja auch nicht grundlos etwas wie Einsicht unterstellen. Aber kurz vor dem Gerichtstermin hat er die Klage zurückgezogen.

[Mit Dank an Thorsten Feldmann und Ansgar Koreng von JBB Rechtsanwälte.]

Vom Umgang mit Enten

Gestern mittag veröffentlichte das „Handelsblatt“ eine Exklusivmeldung. Hans-Peter Siebenhaar, der langjährige Medienredakteur der Wirtschaftszeitung, berichtete:

Susanne Müller: Neue Chefin für den ZDF-Spartensender Neo

(…) Zum ersten Mal in der Geschichte des ZDF steht eine Frau an der Spitze eines Senders. Susanne Müller übernimmt die Geschäftsführung von ZDF Neo, dem Zweitkanal der Mainzer Sendeanstalt. Das bestätigten ZDF-Manager dem Handelsblatt auf der Film- und Fernsehmesse Mip-TV in Cannes. Damit schließt der neue ZDF-Intendant Thomas Bellut eine Lücke in der Führungsspitze. Er hatte vor kurzem den bisherigen ZDF Neo-Chef Norbert Himmler zum ZDF-Programmdirektor berufen.

Der Meldungskern wurde mit dem üblichen Phrasenstyropor ausgepolstert (ausgewiesene Programmexpertin … ZDF-Eigengewächs … exzellent verdrahtet … bestens vertraut).

Zwei Stunden später gab das ZDF eine Pressemitteilung heraus:

Dr. Simone Emmelius leitet ZDFneo (…)

Mainz (ots) – Dr. Simone Emmelius (53) leitet künftig den Digitalkanal ZDFneo und folgt damit Dr. Norbert Himmler, der am 1. April 2012 sein Amt als Programmdirektor des ZDF angetreten hat. Emmelius leitet seit 2009 die Redaktion ZDFneo und war in dieser Funktion bereits maßgeblich an Aufbau, Ausrichtung und Programmgestaltung von ZDFneo beteiligt.

Blöd gelaufen.

Der „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart will dringend, dass seine Redakteure exklusive Nachrichten produzieren. Er hat vor eineinhalb Jahren eine Art Prämiensystem eingeführt, das dem Mitarbeiter, dessen Meldungen im Jahr am häufigsten von Nachrichtenagenturen zitiert werden, 3000 Euro Bonus verspricht.

Die Möglichkeit, dass Fehler produziert werden, ist dabei offenbar nicht vorgesehen.

Nachdem sich die Susanne-Müller-Personalie als Ente entpuppt hat, wurde der Original-Artikel ohne Erklärung gelöscht. Die korrekte Meldung, sicherheitshalber übernommen von der Nachrichtenagentur dpa, enthält keinen Hinweis auf die widersprüchliche frühere Meldung. Das „Handelsblatt“ setzt offenbar auf Leser, die die falsche Meldung übersehen oder schon wieder vergessen haben oder denen egal ist, ob sie stimmt oder nicht.

Die stolze falsche Exklusivmeldung steht jetzt noch vergessen im Online-Auftritt des Schwesterblattes „Wirtschaftswoche“ herum, das Meldungen des „Handelsblattes“ vermutlich als Teil einer Qualitätsoffensive aufträgt.

Nach einer aktuellen Meinungsumfrage haben nur 58 Prozent der Deutschen Vertrauen in das „Handelsblatt“. Mein Vertrauen in solche Umfragen ist gering, aber diesen Wert könnte ich womöglich erklären.

Die ARD gehört nicht Frau Piel

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört der Gesellschaft.

Ich kann mir keinen amtierenden Intendanten von ARD und ZDF vorstellen, der diesen Satz so sagen, geschweige denn danach handeln würde. Formuliert hat ihn immerhin ein ehemaliger Intendant, der frühere NDR-Chef Jobst Plog. In einem Leserbrief an die „Funkkorrespondenz“ zu einem Artikel von Jakob Augstein schreibt er über die Kamikaze-Strategie der ARD-Vorsitzenden Monika Piel und seines Nachfolgers Lutz Marmor:

Kaum nachvollziehbar ist die Strategie der Rundfunkanstalten in der Auseinandersetzung mit den Verlagen. Das fängt damit an, dass sie Vergleichsverhandlungen ausgerechnet dann begonnen haben, als das Gericht zu erkennen gab, dass die Klage der Verleger abweisungsreif war. Problematischer: Die Rundfunkanstalten sind möglicherweise dabei, eine mühsam erkämpfte und vom Bundesverfassungsgericht gerade bestätigte Rechtsposition aufzugeben. (…)

Man ist auf Vermutungen angewiesen, weil die Gespräche mit den Verlegern seit langen Monaten vertraulich geführt werden. Das ist für die Verleger ein normales Verfahren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört indessen der Gesellschaft. Sollte er auf Rechtspositionen verzichten wollen, bedarf es einer öffentlichen und transparenten Diskussion mit dieser Gesellschaft, ehe vollendete Tatsachen geschaffen werden.

Ich fürchte, dass Monika Piel, die fast vom ersten Tag ihrer leider immer noch andauernden Amtszeit als ARD-Vorsitzende gegen die Interessen der Gebührenzahler argumentiert hat, diesen Gedanken nicht nur nicht teilt, sondern für komplett irrwitzig hält.

Plog schreibt außerdem:

Erstaunlich, in welchem Umfang sich Journalisten der Printmedien mit der Verlagspolitik ihrer Geschäftsführungen und den dahinter stehenden vermeintlichen Interessen der Gesellschafter identifizieren und wie wenig Mut zur Pluralität vorhanden ist.

Ja.

Warum ARD und ZDF für ACTA kämpfen

ARD und ZDF gehören bekanntlich zu den Unterzeichnern eines Aufrufs an die Bundesregierung, das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA „ohne weitere Verzögerung wie bereits beschlossen zu unterzeichnen“.

Ich habe — ursprünglich für eine „Spiegel“-Geschichte, in der das dann aber keinen Platz fand — bei den Sendern nachgefragt, welche Konsequenzenes für sie hätte, wenn ACTA nicht unverzüglich und unverändert unterzeichnet würde.

Eva-Maria Michel, Vorsitzende der Juristischen Kommission der ARD und WDR-Justiziarin:

Schon die Überschrift der angesprochenen Pressemitteilung der „Deutschen Content Allianz“ (DCA) macht deutlich, dass ACTA lediglich der Anlass ist, um die Bundesregierung zu einer „konsistenten Positionierung zum Urheberrecht“ aufzufordern. Dementsprechend erschöpft sich der Aufruf nicht auf die von Ihnen durch wörtliches Zitat isolierte Passage, sondern das eigentliche Petitum an die Bundesregierung fängt danach erst an („[…] und mit größerem Nachdruck als bisher eine zukunftsorientierte Reform des Urheberrechts [.] in Angriff zu nehmen. Hierzu zählt auch eine Verbesserung der urheberrechtlichen Rahmenbedingungen für legale Angebote“).

Dementsprechend wird auch im Weiteren darauf hingewiesen, dass die von ACTA vorgesehenen Maßnahmen bereits dem deutschen Schutzniveau entsprechen, was auch die Bundesjustizministerin – jedenfalls bislang – so sah. Aus einer Unterzeichnung des Abkommens durch die Bundesrepublik ergäben sich dementsprechend auch keine unmittelbaren Konsequenzen für die Beteiligten der DCA.

Eine unterbleibende Unterzeichnung würde allerdings deutlich machen, dass der politische Wille, eine eigentlich zentral wichtige Urheberrechtsreform endlich anzupacken, entgegen früherer, anders lautender Aussagen (siehe z.B. Koalitionsvertrag) nicht (mehr?) da ist. Der Bundesregierung insofern „auf den Zahn zu fühlen“, das ist das eigentliche und unseres Erachtens berechtigte Anliegen dieser politisch gemeinten Intervention der DCA.

Alexander Stock, Unternehmenssprecher ZDF:

Das ZDF als Nutzer und Inhaber von Rechten braucht klare Regeln und Rechtssicherheit. Es bedarf einer Anpassung der urheberrechtlichen Rahmenbedingungen an die Nutzungen in der digitalen Welt im Rahmen der anstehenden Novellierungen des Urheberrechts auf europäischer Ebene, vor allem aber auch in der dringend notwendigen Fortschreibung des deutschen Urhebergesetzes (3. Korb). Diese müssen den berechtigten Schutz des geistigen Eigentums einerseits und dessen Sozialgebundenheit andererseits berücksichtigen.

Der rechtliche Rahmen muss eine technologieneutrale Ausgestaltung der Weitersendung unserer Angebote auf Drittplattformen, unabhängig von drahtgebundenen oder drahtlosen Technologien ermöglichen. Dazu brauchen wir effektive Mechanismen für die Rechteklärung in der digitalen Welt. So sollen für die Nutzer leicht zugängliche, legale Angebote gefördert werden, was gleichzeitig die beste Prävention gegen Piraterie ist.

Die Interessen von Nutzern und Rechteinhabern müssen dazu in einen fairen Ausgleich gebracht werden. Dementsprechend kommt es für das ZDF – das sowohl Rechteinhaber als auch Rechtenutzer ist – in der digitalen Welt auf folgendes an:

1. Faire Bedingungen, angemessene Vergütung und Anerkennung für die Arbeit von Künstlern und Urhebern, was auch einen hinreichenden Schutz des geistigen Eigentums voraussetzt.

2. Die Zugangsinteressen der Nutzer und damit das Gemeinwohl müssen geschützt werden. Die Offenheit des Internet ist eine wichtige Vorbedingung für Meinungsvielfalt, Pluralismus, kommunikative Chancengleichheit und damit für die Meinungsbildung. Das ZDF spricht sich deshalb für eine möglichst weitgehende Sicherung der Netzneutralität aus.

3. ACTA lässt zwar bewährte Schranken des Urheberrechts wie bspw. die Privatkopie oder das Zitatrecht unberührt, die Umsetzung sollte aber wie oben dargestellt von der Modernisierung des Urheberrechts zur Förderung legaler Angebote begleitet werden.

4. Für das ZDF sind Fernsehen und redaktionelle Telemedienangebote gerade in der digitalen Welt keine gewöhnlichen Wirtschaftsgüter. Es handelt sich vielmehr um Kulturgüter, die für Meinungsvielfalt und Kommunikation in unserer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sind.

Michael Verhoevens Sohn ist arm dran

„Schuhe gibt’s auch nicht gratis“, steht über dem Artikel des Regisseurs Michael Verhoeven über ACTA im aktuellen „Focus“, und genau genommen könnte man natürlich an dieser Stelle aufhören zu lesen. Es ist die „Ihr seid alle Diebe“-Nummer, und selbst wenn sie nicht falsch wäre, wäre sie alt.

Tatsächlich lohnt es sich aber, den Text trotzdem zu lesen, weil er die Diskussion noch viel weiter zurückwirft, als die Überschrift befürchten lässt.

In der Welt dieses „Focus“-Artikels, in der Welt des Michael Verhoeven gibt es keinen legalen Handel mit digitalen Inhalten im Netz.

Verhoevens Text beginnt so:

Ein Kunde geht in ein Musikgeschäft und entdeckt dort eine tolle CD. Am Ausgang wird er festgehalten. Er hat nämlich etwas vergessen: Er hat nicht bezahlt.

Das Netz ist wie ein Supermarkt. Hier entdeckt der Kunde ebenfalls tolle Musik und lädt sie herunter. Und auch er hat etwas vergessen. Er hat nicht bezahlt — doch niemand hält ihn auf.

Die Möglichkeit, dass der Kunde die tolle Musik im Netz entdeckt, heruntergeladen und bezahlt hat — sie kommt nicht vor.

Verhoeven:

Mein Sohn Simon ist Komponist. Über die Verwertungsgesellschaft GEMA ist er beteiligt, wenn seine Musik (z. B. in dem Film „Männerherzen“) im Kino, im Radio oder Fernsehen aufgeführt wird.

Was aber über das Netz verbreitet wird, wird nicht abgerechnet. Da geht er leer aus, und seine Musiker und alle am Herstellungsprozess Beteiligten sind ebenfalls betrogen.

Das ist strunzfalsch. Was über das Netz verbreitet wird, wird auch abgerechnet. Im Dezember erst hat die GEMA sich mit dem Internetverband Bitkom über Vergütungs-Regeln geeinigt. Und auch im endlosen Streit zwischen GEMA und YouTube geht es um die Frage, wie hoch die Vergütung sein soll — nicht um die Vergütung an sich.

Verhoeven wendet sich dann an die Diebe direkt und versucht es damit, sie als Kindergartenkinder zu behandeln:

Sie verstehen doch, lieber User, dass ein Drehbuchautor, ein Regisseur, ein Produzent, ein Sänger für die Verbreitung seiner Arbeit ein Honorar bekommen muss. Wenn Sie in einen Laden gehen, wissen Sie, dass Sie die Ware bezahlen müssen. Wieso erwarten Sie nicht das Gleiche, wenn Sie im Netz eine Ware beziehen?

Viele erwarten es. Viele tun es.

Eines der Probleme ist, dass sich für viele „Waren“, die Menschen gerne im Internet „beziehen“ würden, gar keine Bezahlmöglichkeiten angeboten werden. Dass quasi die Kassen fehlen.

Lustigerweise hat Verhoeven denselben Gedanken erblickt. Aber er hat leider die falsche Auffahrt genommen und landet dort als Geisterfahrer:

Sie haben ja die Freiheit, das Lied oder den Film herunterzuladen.

Niemand verbietet es Ihnen. Aber bitte nicht, ohne an der Kasse das Geld hinzulegen.
Entsprechende Kassen gibt es, denken Sie an die Schuhe, die Sie im Internet gekauft haben. Aber im Fall von Musik oder Spielfilmen sind die Kassen nicht besetzt. Noch nicht.

Es ist merkwürdig, das im März 2012 noch irgendwohin zu schreiben, aber gut: Doch, es gibt auch im Fall von Musik oder Spielfilmen schon Kassen, die besetzt sind, und in manchen stecken schon gewaltige Einnahmen.

Es kommt aber schlimmer. Verhoeven hält ACTA tatsächlich für ein Kassenaufstellabkommen, nicht für ein Kaufhausdetektivabkommen.

Aber im Fall von Musik oder Spielfilmen sind die Kassen nicht besetzt. Noch nicht. Jetzt, wo das geschehen soll, wird geschrien: „Das ist Zensur!“ Wie bitte? Ist es Zensur, dass Sie die Schuhe bezahlen müssen, die Sie im Internet gekauft haben?

Was fehlt noch? Richtig: Netzsperren. Und Kinderpornographie.

Ich bin gegen Zensur. Aber im Netz bin ich zum Beispiel dafür, dass der Konsument von Kinderpornografie nicht etwa bestraft wird, sondern dass er sich den Dreck gar nicht erst ansehen kann, weil eine „Zensur“ ihn schon herausgefiltert hat. Wenn jemand zu bestrafen wäre, dann der, der diese Dinge ins Netz stellt. Und mitschuldig ist auch der Anbieter, der Provider, der Öffner des Portals, der laut Leutheusser-Schnarrenberger nicht Hilfssheriff spielen soll.

Ich habe nicht die Kraft, all das, was daran falsch und schlimm ist, aufzudröseln. Ich würde mich allerdings Verhoevens nächstem Satz anschließen:

Hier sind viele Fehleinschätzungen im Umlauf.

Ich fürchte, dass dieser Artikel nicht nur etwas über die Ahnungslosigkeit von Michael Verhoeven aussagt, der glaubt, dass man im Internet Filme nur stehlen kann, bis endlich die ACTA-Kassen aufgestellt sind. Ich fürchte, dass das Stück und die Tatsache, dass der „Focus“ das so gedruckt hat, auch etwas darüber aussagt, in welchem Maß die ACTA-Lobby bereit ist, mit Unredlichkeit und Boshaftigkeit für ihre Interessen zu kämpfen. Sie scheint aus ihren Fehlern nur exakt eine Lektion gelernt zu haben: Dass sie die Urheber vorschicken muss.

Medienlexikon: Presserabatt

Der Spiegel

Presserabatt, der: unproblematische Sonderbehandlung von Journalisten, die sich von Sonderbehandlungen nicht beeinflussen lassen.

Es ist leicht, das Journalistenleben zu romantisieren. Dabei ist es oft ein Fluch. Allein diese ganzen Privilegien!

Internetseiten wie Pressekonditionen.de bieten einen eindrucksvollen Einblick, welchen Zumutungen man sich aussetzen muss, nur weil man mit seiner Familie für 25 Prozent weniger in den Urlaub fliegen will. Es sind erschütternde Zeugnisse von verschwendeten Leben in Warteschleifen, emotionale Schicksalsberichte über nicht erfüllte Sonderwünsche bei der Platzwahl im Flugzeug.

Man kann hier leicht den Eindruck bekommen, dass die Hälfte der Pressestelle von Air Berlin nur damit beschäftigt ist, vergünstigte Tickets für Journalisten auszustellen. Und die andere Hälfte damit, Reklamationen zu beantworten und geduldig zu erkären, dass es zwar die tolle kostenlose Pressekarte mit besonderen Vorzügen nicht mehr gibt, aber das Angebot, die „Card Silver“ mit ähnlichen Vorteilen zu kaufen, auch noch ein besonderes Entgegenkommen darstellt. „Sehr kundenunfreundlich“, nennt ein Andreas im Forum das.

Schon als Air Berlin vor zwei Jahren beschloss, den Rabatt von 50 Prozent auf 25 zu halbieren, erkaltete die Beziehung vieler Profirabattnehmer zu der Fluggesellschaft. Manche scheinen seitdem die Sonderangebote nur noch widerwillig in Anspruch zu nehmen. Man mag sich nicht ausmalen, wie viele freundliche Erwähnungen von Air Berlin in Artikel-Nebensätzen seitdem weggefallen sind.

Die Sorge muss sich die Deutsche Bahn zum Glück mangels freundlicher Erwähnungen nicht machen. Insofern dürfte ihr die Entscheidung leicht gefallen sein, demnächst keine Journalisten-Bahncard zum reduzierten Preis mehr anzubieten. Sicherheitshalber nutzte sie dafür den Windschatten der Debatte um Christian Wulff, in der manche Journalisten beim Echauffieren über Vergünstigungen, die der ehemalige Bundespräsident angeblich in Anspruch nahm, so dicke Backen machten, dass man mit dem ganzen Wind von Berlin nach Hannover fliegen könnte.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) wies die Forderung der Anti-Korruptionskämpfer „Transparency International“ nach einem generellen Verzicht auf Presserabatte zurück. Sein Sprecher sagte, das sei „Sache eines jeden Journalisten, ob er Presserabatte annimmt oder nicht. Da bedürfen wir keiner Belehrung durch andere Organisationen.“ Auch was Transparenz und Selbstkritik angeht, pochen Journalisten auf Rabatt.