Kurz verlinkt (23)

Heute ein paar Fundstücke aus dem „Guardian“:

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Peter Wilby über die Verlogenheit der Medien in der Berichterstattung über den nach seiner Haft wegen Kindesmissbrauchs nach Großbritannien zurückgekehrten Gary Glitter:

Moreover, „pervs“ play an important role in defining the boundary between the respectable folk who read and produce redtop papers and what sociologists call „the other“. The Sun may publish revealing pictures of women just above the age of consent, as well as of flat-chested models, sometimes dressed as young schoolgirls. Anybody who objects is roundly denounced as „politically correct“. But to assure us they are not encouraging paedophilia, the redtops must denounce, even more vehemently, anybody who lays a finger on anyone aged 15 years 364 days or less. This explains why Glitter’s name can never appear without being shepherded by such words as brute, evil, foul, depraved, monster, scum and, specially brought out by the Sun’s Lorraine Kelly for the occasion,“toxic effluent“.

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Ben Goldacre über die britischen Medien, die sich wie doof auf eine vermeintliche Rangfolge der Regionen mit den glücklichsten und unglücklichsten Menschen stürzten, die fast vollständig allein durch zufällige, statistisch nicht relevante Abweichungen entstand:

Dr Dimitris Ballas, the academic who did the research, had this to say: „I tried to explain issues of significance to the journalists who interviewed me. Most did not want to know.“

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Und Ben Goldacre darüber, wie die britischen Medien zweifelhafte Berichte über eine mögliche Verbindung zwischen Impfungen gegen Kinderkrankheiten (MMR-Impfungen) und Autismus erst verbreiteten und grotesk übertrieben und sich später, als sie sich als unwahr herausstellten, den Wissenschaftler statt sich selbst als Schuldigen anklagten:

The media are fingering the wrong man, and they know who should really take the blame: in MMR, journalists and editors have constructed their greatest hoax to date, and finally demonstrated that they can pose a serious risk to public health.

(Goldacres „Guardian“-Kolumne „Bad Science“ ist ohnehin außerordentlich lesenwert.)

Der „Subway“-Journalismus von ProSieben

Vor einigen Monaten habe ich, eher nebenbei, darüber geschrieben, mit welch erstaunlicher Gründlichkeit ProSieben seine Zuschauer über die faszinierende Welt der Sandwichkette „Subway“ informiert. Über den tollen Teig und die tollen Restaurants, über die tollen Ausbildungsplätze und das tolle Prinzip.

Die Sendersprecherin hatte mir allerdings auf Nachfrage erklärt, diese Berichte hätten „ausschließlich etwas mit journalistischen Gründen zu tun“.
was frag ich auch den Sender! Ich hätte natürlich die PR-Agentur „foleys“ fragen sollen — oder einfach auf ihre Homepage gucken. Dort veröffentlichte sie im April folgende Pressemitteilung:

12,91 Millionen TV-Einschaltquote in vier Monaten

Schon im letzten Jahr ist es foleys PR gelungen, SUBWAY® Sandwiches in bekannten TV-Formaten wie „Galileo“ oder „Deine Chance — 3 Bewerber, 1 Job“ auf PRO7 zu platzieren. Auch in 2008 zeigt sich die Ulmer Agentur auf diesem Gebiet sehr erfolgreich: foleys PR realisierte bereits im ersten Quartal des neuen Jahres mehrere Projekte mit „Abenteuer Leben“ auf Kabel 1 und „Galileo“ auf PRO7.

Das Team von foleys PR initiierte und begleitete dabei alle Drehs, bereitete deren Inhalte vor, briefte die Protagonisten und TV-Teams und stand ihnen und den jeweiligen Franchisepartnern vor ORt mit Rat und Tat als verantwortliche Kontrollinstanz (und Pressesprecher) zur Seite. Das Resultat: Über 73 Minuten kostenlose TV-Präsenz für SUBWAY® Sandwiches, mit 12,91 Millionen Gesamteinschaltquote und einem Mediagegenwert von über zwei Millionen Euro. Doch damit ist noch lange nicht Schluss: foleys PR hat bereits weitere spannende TV-Projekte für die Sandwichmacher in Arbeit.

foleys PR achtet dabei auf Ausgewogenheit: Nicht nur die Produkte der Sandwichmacher sollen dem deutschen Fernsehpublikum präsentiert werden. Die PR-Spezialisten legen auch Wert darauf, dass alle Facetten ihres Kunden gut beleuchtet werden. So lag der Fokus der Beiträge „Galileo Existenzgründung“ (Pro7) und „Abenteuer Wissen“ (Kabel 1) auf dem Franchisesystem SUBWAY® Sandwiches. Zukünftige Projekte werden zum Beispiel die Arbeit im einzelnen Restaurant beleuchten. foleys PR ermöglicht es seinem Kunden somit, (kostengünstig) seine Bekanntheit und Beliebtheit durch umfassende und redaktionell sehr glaubwürdige Einblicke in das System zu steigern — natürlich mit positivem Effekt auf Umsätze und Zahlen von Franchiseinteressierten.

Man soll ja skeptisch sein bei solchen PR-Meldungen. Aber komisch: Ich glaube denen jedes Wort. (Und worauf sie so stolz sind, kann man sich zum Beispiel hier angucken).

[Mit Dank an Benjamin Gasser]

Nachtrag, 14:10 Uhr. Die Agentur foleys scheint die Pressemitteilung von ihrer Seite entfernt zu haben.

Nachtrag, 16:00 Uhr. Axel Roggmann, Geschäftsführer von foleys, schreibt in den Kommentaren u.a.:

Wir möchten fest halten, dass foleys PR weder in eigenem noch im Namen dritter Schleichwerbung betrieben hat noch dieses beabsichtigt hat. Es gab keinerlei Zuwendungen an den Sender oder die Produktionsfirma. Jeder Beitrag wurde stets von einem Redakteur des Senders bzw. der von ihm beauftragten Produktionsgesellschaft unabhängig durchgeführt. Selbstverständlich wurde jedoch jeder Dreh von foleys PR (im Auftrag von SUBWAY® Sandwiches) vor Ort professionell begleitet, was bedeutet, dass z.B. evtl. vorhandene Drehpläne z.T. vorab gelesen wurden um evtl. sachliche Fehler eines Redakteurs und des Filmteams zu vermeiden (denn nachträglich festgestellte sachliche Fehler sind kaum zu korrigieren). Natürlich wurde auch den jeweiligen Franchisepartnern
(allesamt TV-unerfahren und entsprechend auf Unterstützung angewiesen) vor und während des Drehs zur Seite gestanden. Es ist die Aufgabe einer PR-Agentur sie bei solch einem Dreh zu unterstützen. Den Vorwurf von „Dauerwerbesendung“ und Schleichwerbung weisen wir von uns. Wir entschuldigen uns für evtl. missverständlich formulierte Aussagen auf unserer Website und bedauern, wenn diese evtl. zu Irritationen geführt haben.

Shaun, das Schaf

Das Sympathische an Schafen ist, dass sie es nicht übertreiben mit der Intelligenz. Sie sind Vizemeister im Auf-der-Wiese-Stehen und Gras-Kauen mit guten Platzierungen in den Disziplinen Hinter-anderen-Schafen-Herlaufen, Herumliegen und Unnötig-in-Aufregung-Geraten. Vor allem glänzen sie aber durch ihr Talent, sich in jedem beliebigen Gelände in ausweglose Situationen zu bringen. Ein Bauer hat mir einmal erzählt, Schafe wollten nur eins: sterben. Kaum drehte man sich um, hätte wieder eines den Kopf so durch ein Gatter geschoben, dass der Hals lebensbedrohlich festhängt. Das klingt unfair und unnötig drastisch, aber im Dritten Programm lief neulich eine Dokumentation über einen großen Schaftreck in Norddeutschland, in der prompt ein Schaf einen ungefähr zwei Zentimeter langen Abhang herunterkugelte, auf dem Rücken landete und in dieser Position liegen blieb, offenkundig überzeugt, dass dies nun sein unabänderliches Schicksal sei.

Das Sympathische an der Serie „Shaun, das Schaf“, die sonntags morgens in der „Sendung mit der Maus“ läuft, ist, dass die Knetschafe hier nur ein bisschen intelligenter sind als im wahren Leben. Die meisten Mitglieder der Herde, die auf einem kleinen Hof lebt, sind vollauf damit beschäftigt, vor sich hin zu kauen, wobei die Augenstellung irgendwo zwischen halb und viertel vor acht darauf hindeutet, dass sich ihr Gehirn in den Stand-By-Modus verabschiedet hat. „Dumm“ wäre das falsche Wort, „genügsam“ trifft es besser.

Das Sympathische an dem Titelheld Shaun schließlich ist natürlich, dass er anders ist. Er ist aufgeweckt, was ein großes Wort ist für ein Schaf. Es ist vermutlich eine Frage des Alters, er hat ungefähr die Rolle eines vorwitzigen und tendenziell hochbegabten Achtjährigen, der die anderen aus ihrer Lethargie reißt. Wobei auch seine Ambitionen angenehm begrenzt sind. Er schmiedet keine großen Ausbruchspläne, plant nicht die Schafrevolution. Er weiß einfach nur, wie man, wenn einem ein Kohlkopf vor die Füße rollt, einen netten Nachmittag mit Gemüsefußball verbringen kann, oder auf Kosten des gutmütigen Wachhundes oder des Bauern seinen Spaß haben kann.

Seit eineinhalb Jahren zeigt die ARD die wenige Minuten langen Geschichten aus dem Haus der Macher von „Wallace & Gromit“. Es sind, vor allem wegen der liebevoll gekneteten Figuren mit ihren unfassbar ausdrucksstarken Augen und Gesichern, Filme, die sich nicht nur Kinder immer wieder ansehen können. Dabei sind die Geschichten, wie ihre Protagonisten, nicht überambitioniert. Sie haben, abgesehen von der Anspielung auf große Filme, oft nicht einmal einen doppelten Boden, eine ironisch gebrochene zweite Ebene für die Erwachsenen. Sie brauchen sie nicht. Ihr Charme und Witz, ihre Liebe zum Detail reicht völlig.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Kurze Unterbrechung

Das glaubt einem keiner, wie toll Blogleser sein können.

Nachdem dieses Blog neulich eine Weile nicht erreichbar war und ich auf einer Ersatzseite zunehmend frustriert schrieb, dass ich gerade kleine Voodoo-Puppen meines Webhosters bastele, erreichte mich ein Päckchen von Thorsten und Simone W. aus W, die ich vorher gar nicht kannte. Der Inhalt, schrieben sie, solle mir helfen, „falls die selbst gebastelten nicht funktionieren sollten“.

Von der anderen Seite ist der Voodoo-Kerl übrigens eine Frau. Und eigentlich waren auch Nadeln dabei, die hab ich aber schon wieder verloren (ich hoffe, das klappt auch mit normalen).

Jedenfalls, was ich sagen wollte: Vielen Dank! Und trotzdem nehm ich jetzt noch mal eine Woche Auszeit, in der die Kommentare geschlossen sind. Dafür gibt’s hinterher, mit etwas Glück, wieder Schafcontent.

„Report München“ und die Vorratsdaten

Am vergangenen Montag berichtete „Report München“, wie der Datenschutz in Deutschland angeblich die Verfolgung von Straftaten behindert. Konkret ging es um die vermeintlichen Folgen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes im vergangenen März, Teile des Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung vorläufig außer Kraft zu setzen, weil sie den Persönlichkeitsschutz erheblich gefährdeten.

Ein komplexes Thema, aber „seriöse Information“ ist ja ein Markenzeichen von „Report München“ (sagt jedenfalls „Report München“), und die Redaktion von „Report München“ hat ja den Anspruch, „nach sorgfältiger Recherche auch bei schwierigen und unbequemen Themen deutlich Stellung zu beziehen, Hintergründe zu beleuchten und zu analysieren“.

Das mit dem Deutlich-Stellung-Beziehen ist unbestritten, bei der Analyse, der sorgfältigen Recherche und der seriösen Information hatte ich bei dem Bericht (Manuskript, Video) angesichts des Widerspruchs z.B. von netzpolitik.org so meine Zweifel. Ich habe deshalb der Pressestelle des BR und der Redaktion von „Report München“ per Email folgende Fragen gestellt:

In dem „Report“-Beitrag heißt es: „Nach der Eilentscheidung des Bundesverfassungsgericht vom 11. März 2008 hätte die Nürnberger Kripo kaum eine Chance gehabt, den Vergewaltiger mithilfe gespeicherter Handydaten zu fassen.“ Wie kommen Sie zu diesem Urteil? Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Eilentscheidung festgestellt, dass die Weitergabe der Daten zulässig ist, „wenn Gegenstand des Ermittlungsverfahrens eine schwere Straftat im Sinne des § 100a Abs. 2 StPO ist, die auch im Einzelfall schwer wiegt, der Verdacht durch bestimmte Tatsachen begründet ist und die Erforschung des Sachverhalts auf andere Weise wesentlich erschwert oder aussichtslos wäre“. Handelt es sich bei einer Vergewaltigung (§ 177 StGB) nicht um eine solche schwere Straftat im Sinne des § 100a?

In dem „Report“-Beitrag kommt, scheinbar als Beleg für Ihre These, Horst Hanschmann zu Wort. Er sagt: „Wenn das Handy nicht geraubt worden wäre, wäre nur in Anführungszeichen ein Verbrechen der Vergewaltigung vorgelegen und eine Ermittlung des Täters wäre vermutlich nicht möglich gewesen.“ Können Sie mir erklären, was diese Aussage mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu tun hat? Der Polizist sagt, wenn das Handy nicht geraubt worden wäre, hätte man den Täter nicht mithilfe des Handys ermitteln können. Das ist unzweifelhaft wahr, so wie man einen Täter auch nicht mithilfe seiner Fingerabdrücke ermitteln kann, wenn er Handschuhe trägt. Was hat das mit der Gesetzeslage zu tun?

In dem „Report“-Beitrag heißt es: „Nur aufgrund der Klage einer Bürgerinitiative mussten die Karlsruher Richter entscheiden.“ Können Sie mir erklären, was Sie mit dem Wort „nur“ meinen?

In dem „Report“-Beitrag heißt es: „Vergewaltigung zählt demnach nicht mehr als schwere Straftat.“ Können Sie mir die Quelle für diese Aussage nennen?

In dem „Report“-Beitrag heißt es über den „spektakuläre[n] Fall der Münchner U-Bahn Schläger“, dass u.a. „die Auswertung der Handydaten zur Festnahme der Täter innerhalb weniger Stunden“ geführt habe, was „die ganze Absurdität der Diskussion“ zeige. Können Sie mir sagen, in welcher Weise es gelang, mithilfe des Gesetzes zur Datenvorratsspeicherung, das am 1. Januar 2008 in Kraft trat, 2007 Kriminelle dingfest zu machen?

In dem „Report“-Beitrag heißt es: „Vergewaltigung? Ein Verbrechen, das offensichtlich nicht schwer genug ist, um den Zugriff auf die Handydaten möglich zu machen.“ Können Sie mir eine Quelle für diese Einschätzung nennen?

Am Freitag erhielt ich daraufhin folgende Email von Oliver Bendixen und Sabina Wolf, den Autoren des Beitrages:

Herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserer Sendung Report München vom 25. August 2008 und Ihre Anmerkungen zum Thema Vorratsdaten.

Eine nicht-anlassbezogene Speicherung von Telekommunikationsdaten ängstigt viele Bürger. Oft wird dabei allerdings übersehen, dass diese Daten für die Ermittlungsarbeit zahlreicherer Straftaten wichtig sind. Gerade in den Bereichen Körperverletzung mit Todesfolge, Vergewaltigung, Stalking, Amoklauf und Trickbetrug konnte die Polizei in der Vergangenheit Täter fassen. Nach dem Eilentscheid des Bundesverfassungsgerichts wurde dieser Ermittlungsweg gestoppt.

Die Behörden sind immer dann auf Telekommunikationsdaten angewiesen, wenn andere Spuren am Tatort, wie etwa Täter-DNA nicht vorhanden oder auswertbar ist. Vielen Bürgern ist nicht bewußt, dass durch die Auswertung der Telekommunikationsdaten nicht nur bereits begangene Einzeltaten aufgeklärt werden konnten, sondern mit der Überführung der Täter gleichzeitig künftige Straftaten verhindert wurden. Dies kam bisher allen Bürgern zu Gute.

Die Ermittlungsbehörden durften bisher zudem nicht ohne richterlichen Beschluss auf Telekommunikationsdaten zugreifen. Eine zusätzliche Kontrolle polizeilichen Handelns war deshalb stets gegeben.

Bürgerrechte sollten nicht nur Abwehrrechte gegen den Staat, sondern auch gegen Kriminelle einschließen, so sehen das Opfervereinigungen, denen wir in unserem Beitrag durch das Aufzeigen einiger Einzelfälle eine Stimme geben wollten.

Die Autoren schließen mit der „Hoffnung“, mir „mit dieser Antwort weiter geholfen zu haben“. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es sich überhaupt um eine Antwort handelt.

andere Reaktionen auf den „Report München“-Beitrag

So lügt Udo Ulfkotte

Vor zwei Wochen hat sich die britische Boulevardzeitung „The Sun“ bei Arunas Raulynaitis entschuldigt. Im März hatte sie unter der Überschrift „Everyone off my bus, I need to pray“ berichtet, dass der muslimische Londoner Busfahrer seine Fahrgäste aufgefordert habe, seinen Bus zu verlassen, damit er beten konnte. Und dass sich die Fahrgäste hinterher geweigert hätten, wieder einzusteigen, weil sie gesehen hätten, dass er einen Rucksack dabei hatte, und ihn für einen potentiellen Attentäter gehalten hätten.

Nun räumte die „Sun“ öffentlich ein, dass ihre Verdächtigungen „komplett unwahr“ waren:

Mr Raulynaitis is not a fanatic and he did not ask passengers to leave his bus to allow him to pray.

In fact, he was praying during his statutory rest break.

(Herr Raulynaitis ist kein Fanatiker und hat die Fahrgäste nicht dazu aufgefordert, den Bus zu verlassen, damit er beten konnte.

In Wahrheit hat er während seiner gesetzlich vorgeschriebenen Pause gebetet.)

Aber wer glaubt schon, was ein im Zweifel rassistisches und notorisches Lügenblatt wie die „Sun“ schreibt?

Udo Ulfkotte. Udo Ulfkotte, Autor des Buches „So lügen Journalisten“. Ex-FAZ-Redakteur, Möchtegern-Politiker, Islam-Kritiker, Kreuzretter, Seher des bevorstehenden Untergangs des Abendlandes.

Die von ihm betriebene Sammlung von vermeintlichen Beispielen für die angebliche Islamisierung Europas, „Akte Islam“, berichtete unter Bezug auf die „Sun“:

London: Busfahrer schmeisst [sic] Fahrgäste raus – um zu Allah zu beten

Im multikulturellen Großbritannien ist man vieles gewohnt. Und es bedarf schon einigen Interesses der Medien, um merkwürdiges multikulturelles Verhalten überhaupt noch wahrzunehmen. Einem Londoner Busfahrer ist das nun gelungen. Der Mann ist Moslem. Und er fährt einen der weltweit bekannten roten Doppeldecker. Zur Gebetszeit im morgendlichen Berufsverkehr hat er den Bus angehalten und alle Passagiere aussteigen lassen. Dann entrollte er seinen Gebetsteppich und betete zu Allah. Die Fahrgäste staunten ungläubig und dachten an einen Streich mit einer versteckten Kamera – doch es war kein Scherz.

Einer der Fahrgäste filmte den betenden Busfahrer am Strassenrand mit seinem Mobiltelefon, sonst hätten ihm die Geschichte wohl auch die Medien nicht geglaubt. Dürfen Busfahrer während der Arbeitszeit zu Allah beten – und Menschen zu spät zur Arbeit kommen lassen…?

Anders als bei der „Sun“, die ihren ursprünglichen Bericht offenbar gelöscht hat, steht die Meldung heute noch bei Ulfkotte. Erst habe ich mich gefragt, wie es Ulfkotte und seine Gesinnungsgenossen schaffen, regelmäßig jede noch so kleine Meldung über eine Gräueltat im Namen des Islam zu finden, aber ihre Korrektur zu übersehen (was natürlich eine rhetorische Frage ist).

Aber die Frage ist falsch. Ulfkotte hat die Korrektur gar nicht übersehen. „Akte Islam“ hat wenige Tage später sogar auf eine Darstellung des Vorfalls verlinkt, die der „Sun“-Version widersprach. Konkret auf einen Artikel im „Slough and Windsor Observer“ vom 6. April, in dem es heißt:

Bosses have analysed evidence, including CCTV footage, and say the driver was actually on his 10-minute break when the incident took place at around 1.30pm on Thursday.

(Vorgesetzte haben Beweise einschließlich von Aufnahmen der Überwachungskamera untersucht und sagen, dass der Fahrer in Wahrheit gerade seine zehnminütige Pause hatte, als es zu dem Vorfall gegen 13.30 Uhr am Donnerstag kam.)

Der Bus sei aufgrund einer großen Verspätung von der Zentrale außer Betrieb genommen worden. Die Fahrgäste hätten ihn verlassen müssen, um ihre Reise mit einem nachfolgenden Bus fortzusetzen.

Verlinkt hat Ulfkottes „Akte Islam“ diesen Artikel, wie gesagt. Aber seinen Inhalt gibt „Akte Islam“ ganz anders wieder:

Sonderrechte für Moslems im Strassenverkehr

Wir hatten unlängst an dieser Stelle über einen moslemischen Busfahrer aus London berichtet, der den erstaunten Passagieren während der Fahrt erklärte, er müsse jetzt zu Allah beten, dann anhielt, alle Fahrgäste aussteigen ließ, einen Gebetsteppich ausrollte und sich auf dem Boden des Busses in Richtung Mekka verneigte.

Die Passagiere glaubten an einen Streich mit verstärkter [sic] Kamera – doch die Arbeitgeber des Mannes gaben ihm nun Recht. Der muslimische Busfahrer habe schließlich seine Pausenzeit für das islamische Gebet genutzt. Und damit sei die Angelegenheit in Ordnung. Als Moslem müsse er ja zu bestimmten Zeiten zu Allah beten (…).

Nein. Das haben die Arbeitgeber nicht gesagt. Das steht da nicht. Und das stimmt nicht.

[gerade erst gesehen: bei „Too Much Cookies“ steht diese Geschichte schon lange]

Nachtrag, 12:50. Na sowas. Plötzlich fehlen die entsprechenden Einträge bei „Akte Islam“. Im Google-Cache findet man sie noch: (1), (2).

Bildergalerie zum Selberanlegen

Hab ich’s nicht gesagt? Dass das revolutionäre „Twin View“-Konzept der „TV Movie“ das Potential hat, auch jenseits der Programmzeitschriftenwelt Furore zu machen? Den Online-Auftritt der „Bild“-Zeitung scheint es jetzt zu einem neuen Feature inspiriert zu haben, eine Art Super-Doppel-Bildergalerie-mit-Erklärung-extra.

Und so sieht das aus: Beim Klicken durch die siebenteilige Bilderstrecke mit den „IFA-Highlights von vorgestern“ auf Bild.de bewegen sich nur die Fotos. Die zugehörige Erklärung ist in einer eigenen Bilderstrecke untergebracht:

So verdoppelt Bild.de nicht nur die Zahl der Klicks pro Bilderstrecke, sondern vervielfacht auch den Unterhaltungswert. Ganz nach eigenem Gutdünken kann der Leser so zum Beispiel das Foto vom VHS-Rekorder (IFA-Highlight 1971) mit der Beschreibung des Walkman (IFA-Highlight 1979) kombinieren.

Stunden voller Spaß.

[entdeckt von Michael Weinreich]

Böcke in die Gartenbaujurys!

Der Verein Berliner Journalisten im Deutschen Journalistenverband hat die Nominierten für seinen Preis „Der lange Atem“ bekannt gegeben. Er soll Journalisten würdigen, die sich „mit Mut, Sorgfalt und Beharrlichkeit über lange Zeit hinweg einem gesellschaftlich relevanten Thema gewidmet und es engagiert in die Öffentlichkeit getragen haben“.

Bei der Besetzung der Jury scheint Originalität ein Kriterium gewesen zu sein:

Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel), Josef Depenbrock (Berliner Zeitung), Dagmar Engel (Deutsche Welle TV), Hans-Ulrich Jörges (Stern), Christoph Keese (Axel-Springer-Verlag), Bascha Mika (taz), Dr. Hansjürgen Rosenbauer (Medienrat Berlin-Brandenburg, ehem. ORB), Dr. Torsten Rossmann (N24 / Sat.1), Andreas Wertz (Inforadio rbb).

(Oder direkt und humorlos gefragt: Ist es wirklich zuviel verlangt, Menschen, die wie Herr Depenbrock handeln, nicht in solche Jurys einzuladen? Schon als kleines Zeichen der Solidarität mit den Journalisten, die unter ihm arbeiten müssen (oder bald nicht mehr)? Und wie schafft man es, in dieser Juryrunde zusammen zu sitzen und zu hören, was Herr Depenbrock zum Thema „Qualitätsjournalismus“ und „langer Atem“ zu sagen hat, ohne sich wegzuwerfen vor Lachen oder ihm ein Glas Wasser über die Hose zu kippen?)