Das Mysterium der heimlichen Qualitätsserien-Nachtversendungen

Eines müsse ich ihm glauben, sagt Christian Körner, der Pressesprecher von RTL: „Wir wollen, dass unsere Programme auch von Zuschauern gesehen werden.“

Klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht. RTL hat sich zum Beispiel gerade richtig viel Mühe gegeben, die letzte Folge der Erstausstrahlung von „Der Lehrer“ vor dem Publikum zu verstecken. Und schaffte es, dass sie nicht, wie die anderen, von gut zwei Millionen Leuten gesehen wird, sondern nur von ein paaar Hunderttausend.

Und das ging so:

Der Sender hat von der Schul-Comedyserie neun Folgen produzieren lassen. Die lagen dann erst ein paar Jahre rum, bis sich RTL im Sommer dazu durchrang, sie in Doppelfolgen schnell wegzusenden. Bei neun Teilen stellen Doppelfolgen die Programmplanung eines Senders allerdings vor gewisse Herausforderungen. Sicher, man hätte einfach zum Schluss drei Folgen senden können – aber dann hätten die Leute vom RTL-Mischmagazin „Extra“ im Anschluss womöglich nicht genügend Zeit für ihre beliebten Verbrauchertests gehabt. Man hätte die letzte Folge im Doppelpack mit etwas anderem zeigen können, aber mit was? Und man hätte die neunte Folge als erste einer zweiten Staffel zeigen können, aber dazu müsste es eine zweite Staffel geben, und das kann man wohl ausschließen. Also zeigte RTL nur die Folgen 1 bis 5 und 7 bis 9 und hoffe, dass niemandem auffiel, dass da was fehlte.

Um dann, ohne jede Ankündigung, am 25. November doch noch die sechste Folge nachzureichen. Morgens um 4.20 Uhr. Und wer das verpasst hatte und unter Schlafstörungen litt, entdeckte vielleicht zufällig die Wiederholung: zwei Tage später, am Freitagmorgen um 4.30 Uhr.

Warum die Geheimniskrämerei? Christian Körner sagt, bei so kurzfristigen Programmänderungen sei es ja ohnehin zu spät, noch die Zeitungen und Zeitschriften rechtzeitig zu informieren. Warum aber auch auf den Programmtafeln im RTL-Teletext anstelle nicht „Der Lehrer“, sondern „Staatsanwalt Posch ermittelt“ angekündigt war, kann er nicht sagen. Und eine Antwort auf die Frage, warum RTL überhaupt ganz plötzlich einfällt, kurzfristig noch eine verwaiste Serienfolge ausstrahlen zu müssen, findet Körner auch nach längerer Recherche nicht. Man hört ihm aber eine gewisse Amüsiertheit an, dass man sich überhaupt für das Programm zu einer Zeit interessiert, wo eh keiner guckt.

Aber genau das ist es ja. RTL versendet gerade auch die komplette letzte Staffel der erfolgreichen und vielgelobten Serie „Mein Leben & ich“ zu einer Zeit, wo eh keiner guckt. Auch diese Comedy hing zunächst ein paar Jahre im Keller ab, bis der Sender vor einigen Wochen plötzlich und unangekündigt damit begann, sie in der Nacht von Freitag auf Samstag und im Morgengrauen am Sonntag zu verstecken – gerne in Doppelfolgen, in der jeweils zuerst die zweite Folge läuft und dann die erste.

Eine halbwegs plausible Antwort, warum RTL so mit in jeder Hinsicht hochwertigen Programmen umgeht, ist vom Sender nicht zu bekommen. Auch die Freunde aktueller Primetime-Serien müssen sich von RTL einiges zumuten lassen: Die Handlung von „Dr. House“ wird immer wieder durch lange Wiederholungsblöcke unterbrochen. Bei „C.S.I.“ hat es der Sender geschafft, die wöchentliche Ausstrahlung gerade dann einmal aussetzen zu lassen, als es eine dramatische Doppelfolge gab. Stattdessen lief auf dem Sendeplatz der Pilotfilm zur Neuauflage von „Knight Rider“ – einer Serie, die aber erst eine Woche später begann. Es ist ein einziges Rätsel und Trauerspiel.

Wenn RTL wenigens konsequent wäre und die Nachtstrecke konsequent für die verbliebenen sehenswerten Programme verwenden würde – man könnte sich drauf einlassen und auf Verdacht den Rekorder programmieren. Neben versprengten Serienresten und der schönen Abschlussstaffel von „Mein Leben & ich“ hätte man so Ende November (natürlich ebenfalls unangekündigt) schön noch einmal „Doctor’s Diary“ sehen können, jeweils gegen 2 oder 3 Uhr. Und Vox ahmt es dem großen Bruder nach und hat in den vergangenen Tagen einfach mehrere bislang ausgelassene Folgen der amerikanischen Krimiserie „The Closer“ ausgestrahlt, eine am Montag, zwei im Doppelpack am Mittwoch, eine am Dienstag, aber immer gegen drei Uhr morgens.

Offenbar hat es buchhalterische und lizenzrechtliche Gründe, Dinge kurz vor Jahresende noch wegzusenden. Aber welchen Sinn hat es, das so zu tun, dass möglichst niemand die Schätze entdeckt, unangekündigt, im Morgengrauen, wild durcheinander? Von RTL gibt es darauf keine Antwort. Irgendwelche Vorschläge?

Von Bums- und anderen Glücksgriffen

Dass Isi Yilmaz in seiner sympathisch-kaputten Münchner Kneipe X-Cess auf den Toiletten Haltegriffe angeschraubt hat, damit die Besucher beim spontanen Sex nicht immer die Spülkästen von der Wand reißen — diese Information wollten die Verantwortlichen von sueddeutsche.de ihren Lesern lieber nicht zumuten. Und auch die Geschichte, warum Yilmaz glaubt, irgendwann den „Nobel-Friedens-Dingsbums“ zu bekommen, musste Matthias Eberl aus seiner Audio-Diashow auf sueddeutsche.de über den Laden herausschneiden. Aber Eberl hat die ungekürzte Version einfach auf seine eigene Seite gestellt

— und dafür gestern den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Beste Webreportage“ gewonnen. Eberl nahm den mit 5000 Euro dotierten Preis auch als Anerkennung für das jahrelange, oft miserabel bezahlte Experimentieren mit dem Genre der Audio-Slideshow und hatte den restlichen Abend im Berliner „Rodeo“ ein solches Glücksbärchen-Grinsen, dass kein Zweifel aufkam, dass es den richtigen getroffen hat.

Rund 70 Einsendungen hatte es in dieser Kategorie gegeben, und ich war (als Jury-Mitglied) ein bisschen enttäuscht, dass die Resonanz auf den Aufruf nicht größer und besser war. Die Qualität vieler eingereichter Beiträge war durchwachsen, und ein größerer Teil waren bloß online gestellte Artikel aus Zeitungen — die auszuzeichnen, hätte eine eigene Web-Kategorie einigermaßen sinnlos gemacht.

Es gab nur wenige wirklich überzeugende Kandidaten. Das liegt vermutlich auch daran, dass der Preis noch nicht bekannt genug ist, und das „Reporter-Forum“ als Veranstalter eher aus der klassischen Print-Reportage im Umfeld von „Spiegel“, „Geo“ und „Süddeutscher Zeitung“ kommt. Aber natürlich liegt es auch daran, dass es um den Online-Journalismus (noch) nicht so gut gestellt ist in Deutschland. Es fehlt die Ausstattung und die Kultur.

Und manchmal auch einfach der Gedanke, dass man in einem multimedialen Medium arbeitet, was mehr beinhaltet als nur die Möglichkeit, Klicks mit sinnlosen Bildergalerien in die Höhe zu treiben. Die nominierte Reportage von David Hugendick auf „Zeit Online“ zum Beispiel beschreibt wunderbar den Kampf des stotternden Autoren gegen saisonal wechselnde Buchstaben. Aber eigentlich hätte es so nahe gelegen, eine Aufnahme einzubinden, in der man sich die Sprechübungen selbst anhören kann!

Online-Journalisten brauchen besondes viel Idealismus. Von der Möglichkeit, Tage oder gar Wochen in eine Reportage zu investieren, können sie nur träumen. Insofern ist es kein Wunder, dass viele der Artikel, die in den Print-Kategorien des „Reporter-Preises“ nominiert waren, von ganz anderer Qualität sind, weil sie unter ganz anderen Bedingungen entstanden sind: mit üppigen Spesen- und Zeitbudgets.

Und einem manchmal etwas beunruhigenden Gefühl eigener Großartigkeit, was einen unguten Kontrast ergab: Während ich als Laudator in der Kategorie „Web-Reportagen“ gesagt hatte, dass es da noch Luft nach oben gibt, konnte man bei den Lobreden auf die richtigen Reporter das Gefühl haben, dass es fast einem Wunder glich, dass es den Juroren gelungen war, in einem unüberschaubaren Kreis perfekter Texte noch einzelne entdeckt zu haben, die es auf wundersame Weise geschafft hatten, 101-prozentig zu sein.

Keine Frage: Das „Reporter-Forum“ ist eine feine Einrichtung, die sich der Förderung der Kunst und des Handwerkes der Reportage verschrieben hat. Und es ist eine gute Idee, das mit einem eigenen Preis zu befördern. Aber es hatte für mich auch etwas Dekadentes zu sehen, wie die Großjournalisten nacheinander auf die Bühne kamen und Preis-Quartett spielten: Wer hat die meisten Preise, die frühesten Auszeichnungen, die höchsten Dotierungen, die lustigste Preisanekdote…

So ganz klar ist mir nicht, warum es einen neuen Preis braucht, um den „Spiegel“-Report „Der Bankraub“ aus dem vergangenen Jahr, der schon mehr Auszeichnungen bekommen hat, als sich die Schreiber erinnern können, noch einen weiteren, hoch dotierten Preis zu geben. Oder der (zurecht) vielfach preisgekrönten „Zeit“-Redakteurin Sabine Rückert. Es ist ja nicht so, dass diese Leute bei den bereits existierenden Auszeichnungen chronisch übergangen würden.

Der „Reporter-Preis“ hat sich selbst das Ziel gesetzt, Journalisten zu „ermutigen, Geschichten zu entdecken, die noch keiner kennt“. Wäre es nicht schön, wenn er dabei auch gezielt Reporter entdecken wollte, die noch keiner kennt, und sich vornimmt, Talente mit einem Geldsegen zu fördern, die nicht das solide Gehalt eines langjährigen Zeitschriftenredakteurs im Rücken haben?

Die Nominierten in der Kategorie „Web-Reportage“:

Die Gewinner in den anderen Kategorien:

Alle nominierten Artikel als PDF: Lokalreportage, Text des Jahres, Reportage.

[Offenlegung: Ich war nicht nur Mitglied der Web-Reportagen-Jury, sondern mit diesem Blogeintrag auch selbst in der Kategorie „Text des Jahres“ nominiert — was mich freut, aber zur Vermeidung naheliegender Inzucht- und Kungel-Vorwürfe doch eher keine gute Idee war.]

Die Rügen-Routine, journalismusfrei

Alle drei Monate gibt der Deutsche Presserat die Rügen bekannt, die seine Beschwerdeausschüsse ausgesprochen haben. In knapper Form nennt er die Medien, beschreibt die Fälle und zitiert die Richtlinien des Pressekodex, gegen die sie verstoßen haben. Aus der Pressemitteilung machen dpa, andere Nachrichtenagenturen und die Branchendienste dann durch Kürzen und Umstellen einzelner Sätze Meldungen. Eine Recherche findet nicht statt.

Am Donnerstag war es wieder so weit. Die Pressemitteilung trug diesmal den Titel „‚Erstklassige‘ Schleichwerbung: Presserat rügt Zeitung für Luxusflug-Reportage“. Die Agentur dpa behielt die Überschrift gleich bei und meldete: „Presserat rügt Zeitung für Luxusflug-Reportage“. Die Kollegen der Katholischen Nachrichtenagentur KNA entschieden sich für: „Presserat erteilt sechs Rügen“.

„Kress Report“, „W&V“, „Horizont“, „Meedia“, „DWDL“ — sie alle verwursteten die Pressemitteilung zu Online-Meldungen, nicht ohne gelegentlich kleine Fehler einzubauen. Bei kress.de wurde aus der öffentlichen Rüge für die „Thüringer Allgemeine“ eine nicht-öffentliche; bei horizont.net aus einer Rüge wegen Diskriminierung von Sinti und Roma eine wegen Verletzung der Intimsphäre. Die Ab- und Umschreibespezialisten von „Meedia“ übernahmen beim Copy & Paste ganze Absätze der Pressemitteilung inklusive Flüchtigkeitsfehler („Persönlichkeitsreichte“), missverstanden eine zeitlose Richtlinie aus dem Pressekodex als aktuelle Anspielung auf den Fall Robert Enke und personalisierten auf fast perfide Weise die Rüge für die „Thüringer Allgemeine“, indem sie so taten, als sei der „von der WAZ freigestellte und in der Diskussion als Qualitätsjournalist etikettierte“ Ex-Chefredakteur Sergej Lochthofen persönlich getadelt worden.

Mit Ausnahme von horizont.net, die immerhin den Link zu einem der gerügten Artikel heraussuchten (aber absurderweise zur Illustration irgendeine „Welt am Sonntag“ zeigen und nicht die Seite mit dem gerügten Text), hat keines dieser Medien in irgendeiner Weise selbst recherchiert.

Dabei hätte es nur wenige Minuten gedauert, die gerügten Online-Artikel zu ergooglen oder aus den Archiven zu suchen. Die Kollegen hätten sich die Artikel selbst durchlesen und sie mit eigenen Worten beschreiben können, anstatt sich auf die Formulierungen des Presserates verlassen zu müssen. Sie hätten sich ein eigenes Bild machen und die Urteile des Presserates, der ja nicht unfehlbar ist, kritisch würdigen können. Sie hätten merken können, dass die eine Werbegeschichte aus der „Welt am Sonntag“, die der Presserat gerügt hat, von einem nicht unbekannten Schriftsteller verfasst wurde. Sie hätten bei Edda Fels, der Kommunikationschefin von Axel Springer, nachfragen können, ob die „Welt am Sonntag“ für den Bericht über die First Class von Singapore Airlines tatsächlich die Kosten von rund 9000 Euro selbst bezahlt hat, wie es ihre ach so strengen journalistischen Leitlinien vorschrieben. Sie hätten darüber stolpern können, dass die gerügten Online-Medien nur die Artikel aus ihren Print-Müttern übernommen haben, und beim Presserat nachfragen, warum er in solchen Fällen nicht beide Versionen rügt.

Es hat mich 15 Minuten gekostet, herauszufinden, wer der Bürgermeister und ehemalige Bundestagsabgeordnete ist, über den sein früherer Pressesprecher eine Abrechnung in der „Thüringer Allgemeinen“ schreiben durfte. Vermutlich wäre das mit einem Anruf beim Presserat auch in drei Minuten zu erfahren gewesen.

Je nach vorhandenem Interesse und verfügbarer Zeit hätten sich mit einer Investition von wenigen Minuten oder zwei Stunden auf Grundlage der Pressemitteilung des Presserates interessante, relevante, lesenswerte eigene Artikel produzieren lassen. Stattdessen haben sich alle Mediendienste sowie die Nachrichtenagenturen dafür entschieden, nichts weiter zu tun, als die Pressemitteilung umzuschreiben.

Das ist typisch ist für die Art, wie in vielen (Online-)Redaktionen gearbeitet und auf die Möglichkeit verzichtet wird, sich mit geringstem Aufwand ein eigenes Bild zu verschaffen, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden und, herrje: journalistisch zu arbeiten. Und ich glaube, dass sich das nicht nur mit Geld-, Zeit- und Personalnot erklären lässt. Es ist eine Frage des Handwerks. Und der Haltung.

Wenn einem journalistischen Medium die Mittel fehlen, mit einer Pressemitteilung mehr zu tun als sie zu kürzen, dann fehlen ihm die Mittel, ein journalistisches Medium zu sein. Und warum sollte es ökonomisch sinnvoll sein, zuverlässig dasselbe zu produzieren wie die Konkurrenz? Worin besteht der Mehrwert für den Leser?

Journalismus ist in einem erstaunlichem Maße durch das routinierte, fast mechanische Reproduzieren von Inhalten ersetzt worden. Ein Teil der Belegschaft ist ganz für die Arbeit am Content-Produktions-Fließband abgestellt, wo selbst der Gedanke an eine Mini-Recherche, wie in diesem Fall ein Link auf die gerügten Artikel des Presserates, abwegig ist.

Es ist ein Journalismus, dem das Interesse an seinem Gegenstand abhanden gekommen ist. Wer braucht den?

(Nein, dieser Text hat nicht die versteckte Botschaft: Seht her, wie toll wir das im Vergleich bei BILDblog machen. Ich ärgere und wundere mich nur jedesmal über den Umgang mit den Presserats-Meldungen und halte sie für ein besondes anschauliches Beispiel dafür, wie Journalismus bloß simuliert wird.)

Journalisten, nackt im Gegenwind

Hans Hoff hat mit mir für die Medienzeitschrift „journalist“ ein langes Interview geführt. Es geht um die Frage, ob Journalisten es ertragen müssen, wenn sie im Netz „herabgesetzt, beleidigt, verhöhnt“ werden, und ob es in der Verantwortung von Bloggern liegt, einen „Internetmob“ zu bremsen.

Wie viel Öffentlichkeit muss ein Journalist ertragen?
Alle Öffentlichkeit. Seine Arbeit ist ja öffentlich, also hat er in der Rolle als Journalist alle Öffentlichkeit zu ertragen.

Wenn ich früher einen Fehler gemacht habe, musste ich das Gelächter der Kollegen und den Rüffel des Chefs ertragen. Heute werde ich auf großer Bühne kleingelacht, lande bei stefan-niggemeier.de oder bei bildblog.de, und Tausende ergötzen sich an meiner Fehlleistung.
Ich finde es richtig, dass ich mit diesem Risiko leben muss. Das heißt natürlich nicht, dass all die Reaktionen auch legitim sind. Da stellt sich dann die Frage, ob ich mich von den Leuten beleidigen lassen muss. Grundsätzlich muss ich aber hinnehmen, dass andere Leute entscheiden, wie groß sie meinen Fehler aufblasen wollen.

Wie viel Kritik und Beleidigung muss man denn als Journalist einstecken?
Bei Kritik gilt: jede. Beleidigungen: gar nicht. Es gibt kein Recht darauf, Journalisten beleidigen zu dürfen. Man muss das nicht alles hinnehmen, aber es ist auch nicht hilfreich, sich über alles aufzuregen. Wenn sich in irgendeinem Blog irgendwelche Leute auf mich eingeschossen haben und sich gegenseitig beim Beleidigen überbieten, kann die richtige Reaktion auch sein, das zu ignorieren.

Steigt das, was ich ertragen muss, mit dem Verbreitungsgrad? Muss ich mehr ertragen, wenn ich im Fernsehen auftauche?
Da gelten keine besonderen Regeln. Wir nehmen uns als Journalisten doch auch das Recht heraus zu sagen: Dieser Politiker oder dieser Verbandsfunktionär gehört jetzt aber mal an den Pranger gestellt, weil er dieses oder jenes macht. Man bietet natürlich mehr Angriffsfläche, wenn man im Fernsehen auftritt.

Wenn eine Spiegel-Redakteurin wie Kerstin Kullmann im ZDF-„Morgenmagazin“ auftaucht und bei der Vorstellung einer Spiegel-Titelgeschichte übers Internet etwas Falsches sagt, ruiniert sie in anderthalb Minuten ihren Ruf, weil sie anschließend in Blogs wie Ihrem zerfleischt wird. Da fehlt doch jede Verhältnismäßigkeit.
Einerseits ja, vor allem, wenn es um Frau Kullmann persönlich geht. Sie hat ja niemandem etwas getan. Andererseits sitzt sie da als Vertreterin des Spiegels, der selbst einen besonderen Anspruch an sich hat und gut im Austeilen ist, und das ergibt schon eine besondere Fallhöhe – daraus erklärt sich auch die Wucht der Reaktion.

Muss sie sich dann als „Porzellanpüppchen“ und als „fleischgewordener Blondinenwitz“ beschimpfen lassen?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Sie schien in diesen unglücklichen Sekunden ja tatsächlich alle Klischees zu bestätigen. Aber die Debatte auch bei mir im Blog war ja nicht so einseitig. Es gab ja durchaus Leute, die Kullmann in Schutz genommen haben. Man spricht so leicht von einem Mob, übersieht aber, dass keineswegs alle in eine Richtung rennen, sondern viele auch sagen: Ihr spinnt ja wohl. Ich weiß nicht, ob das die Angriffe erträglicher macht, aber das relativiert dieses Mobhafte schon.

Gibt es ihn denn, den Mob im Internet?
Natürlich gibt es eine Dynamik, die es überall gibt, wo mehrere Menschen zusammenkommen. Wenn da drei Beleidigungen stehen, setzt der Vierte noch einen drauf. Ich sehe das manchmal auch bei mir, wenn ich einen Eintrag wirklich scharf formuliere und an die Grenze dessen gehe, was ich an Kritik zulässig finde. Das ist dann gelegentlich für einige Kommentatoren Ansporn, noch einen draufzusetzen und damit zumindest meine Grenze des Zulässigen zu überschreiten. Daraus muss ich selbstkritisch schließen: Eigentlich hätte ich nicht so weit vorlegen dürfen.

Gibt es einen typischen Verlauf der Erregungswellen? Im Fall von Eva Schweitzer, die einen Blogger wegen eines zu üppigen Zitats abgemahnt hat, kamen bei Ihnen schnell 200 Kommentare zusammen, aber nach ein paar Tagen stagnierte die Zahl unter der 300er-Marke.
Es geht ganz schnell los, ist aber oft auch ganz schnell wieder vorbei. Deshalb meine ich, dass man das manchmal einfach aushalten sollte, weil nach zwei Tagen vermutlich eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Es gibt aber Themen, bei denen man hundertprozentig darauf setzen kann, dass sie einen Entrüstungssturm auslösen. Das war die Spiegel-Geschichte zum Thema Internet, das war Frau Schweitzer zum Thema Urheberrecht.

Sobald es netzbezogene Themen sind, schwappt die Welle höher?
Ja. Viele derjenigen, die im Netz besonders aktiv sind, haben das Gefühl: Das ist unser Internet. Und fühlen sich herausgefordert, ihre Empörung auch noch auszudrücken, selbst wenn das hundert Leute schon vorher gesagt haben.

Was kann ich als Journalist tun, um mich vor solch einem Mob zu schützen?
Man kann sich nicht davor schützen. Man kann nur überlegen, wie man damit umgeht.

Man könnte Fehler vermeiden.
Das ist ja nicht realistisch. Ich glaube aber, dass es im frühen Stadium oft hilft zu kommunizieren. Sich auf die Diskussion einzulassen und zu zeigen, dass man nicht auf dem hohen Ross sitzt. Fehler zuzugeben, falsche Anschuldigungen mit Argumenten zu kontern und zeigen, dass man auch ein Mensch ist und nicht nur ein Opfer, das zum Abschuss freigegeben ist. Manchmal stachelt das die Leute zwar erst an, die dann jede weitere Wortmeldung wieder zerrupfen, deshalb kann es je nach Mentalität oder Thema auch besser sein, das alles an sich abtropfen zu lassen. Ich habe da keine endgültige Antwort.

Eva Schweitzer hat sich kampfeslustig gegeben.
Ich fand sie eher arrogant. Wenn sie schreibt, dass Blogger solche sind, die nachts im Schlafanzug vor dem Computer sitzen

Tun sie das nicht?
Tun sie auch. Aber nicht nur. Das ist doch ein blödes Klischee.

Bei den Diskussionen verdichtet sich, wenn es um Journalismus im Netz geht, der Eindruck, dass da vorwiegend Männer unterwegs sind.
Ist das nicht bei Journalisten ähnlich? Die Wortführer unter den Journalisten sind doch auch Männer.

Die Fälle, in denen die Erregung besonders hoch schwappte, drehten sich meist um Frauen.
Die Männerfälle gibt es ja auch. Wenn Frau Schweitzer dasselbe als Mann gemacht hätte, wäre die Diskussion genauso verlaufen, minus die zehn Deppen, die da wirklich ihren Sexismus ausleben.

Etablieren sich User und Leser als fünfte Macht im Staate, die die vierte kontrolliert?
Ich finde noch interessanter, was bei der taz passiert ist: Dort gab es Abokündigungen wegen des Verhaltens von Frau Schweitzer.

Ist das noch angemessen?
Ich halte es für übertrieben, aber das ist ja nicht die Frage. Wenn ein Leser sagt: Ich finde es inakzeptabel, dass die taz hinnimmt, was die Frau da bloggt, und deshalb kündige ich mein Abo, dann geht es nicht um angemessen oder nicht, dann muss ich mit der Unzufriedenheit der Kunden leben.

Das erzeugt ja konkreten wirtschaftlichen Schaden. Bei Amazon erschienen plötzlich ganz viele Bewertungen, die einen Verriss von Schweitzers Buch hilfreich fanden. Das ist doch ein bisschen, als würde man an eine Hauswand sprühen: Hier wohnt ein Idiot.
In diesem Fall trifft das aber jemanden, der die ganze Zeit an seinem Fenster gestanden und „kommt doch“ gerufen hat. Ich weiß nicht, ob der wirtschaftliche Schaden so hoch ist.

Aber man kann es als Symbol sehen.
Tatsächlich können plötzlich kleine Dinge größere Auswirkungen haben, aber letztlich sind die Bewertungen bei Amazon doch Ausdruck von Sympathie oder deren Fehlen einem Autor gegenüber — das ist doch erst einmal legitim. Wenn Nutzer oder Leser öffentlich ausdrücken können, was sie von etwas halten, darf man sich nicht wundern, wenn davon Gebrauch gemacht wird. Das ist nicht immer schön, aber das ist Demokratie.

Ist das nicht auch eine Form der Verrohung? Wo ist die Grenze?
Wir haben bei Bildblog mal über den Bild-Redakteur Hauke Brost geschrieben und dabei seine Homepage verlinkt. Anschließend haben ihm unsere Leser massenhaft das Gästebuch vollgekotzt. All unsere Aufforderungen zur Mäßigung haben nichts genutzt. Das war natürlich definitiv jenseits der Grenze, aber ich fürchte, dass man damit leben muss. Das hat aber noch nicht die Qualität von „Ich fackele dir jetzt dein Auto ab“. Ich weiß aber auch nicht, wie man so etwas verhindert.

Radikalisiert die Tatsache, dass ich im Internet mit Pseudonym agieren darf, die Diskussion?
Auf jeden Fall. Ich finde es prinzipiell richtig, dass Leute auch unter Pseudonym kommentieren können, aber oft wünsche ich mir, es wäre nicht so. Manchmal sehe ich als Blogbetreiber an der E-Mail-Adresse, wer das wirklich ist, und dass das nicht irgendwelche Schlafanzugträger sind, sondern Chefs von Nachrichtenagenturen, die unter dem Schutz der Anonymität mal richtig vom Leder ziehen.

Kann man die Öffentlichkeit vermeiden, wenn man sich bedeckt hält und etwa nicht ins Fernsehen geht, auch wenn man gefragt wird?
Ja, durchaus.

Warum sieht man Sie so oft im Fernsehen?
Ich sehe mich nicht unbedingt gerne im Fernsehen, aber es befriedigt natürlich die Eitelkeit, wenn man gefragt wird. Ich bin mir bewusst, dass das auch unangenehme Folgen haben kann. Ich lebe ja als einer, der andauernd anderen ihre Fehler vorhält, ohnehin mit der Angst, dass mir selbst mal ein Riesenfehler passiert, den mir andere dann mit dreifacher Freude um die Ohren hauen werden. Andererseits habe ich das Gefühl, dass es auch dann die Möglichkeit gibt, transparent und selbstkritisch zu sein und glaubwürdig zu bleiben. Uns sind bei Bildblog einige größere Fehler passiert. Und es war eine Erleichterung zu erfahren, dass wir sagen können: Es war völlige Grütze, was wir hier gemacht haben. Entschuldigung, es soll nicht wieder vorkommen.

Der normale Tageszeitungsjournalist googelt sich selbst und findet auf Platz eins seine schönste Verfehlung.
Wir werden lernen müssen, damit umzugehen, dass die eigene Geschichte so leicht zugänglich ist. Auch Personalchefs werden lernen, damit umzugehen. Es ist völlig normal, dass jeder von uns drei blöde Sachen bei Google stehen hat.

Völlig normal?
Man wird sich daran gewöhnen. Da stehen die tollen Selbstdarstellungen, da stehen auch die Fehler. Wir werden im Umgang mit dem Internet lernen …

…, das nicht mehr so ernst zu nehmen?
Zumindest einordnen zu können, was das wirklich bedeutet. Lange Zeit gab es die Diskussion, was passiert, wenn ein Personalchef peinliche Partyfotos von einem Bewerber im Netz findet. Ich war jetzt schon mehrfach bei Diskussionen, wo Personalchefs gesagt haben, dass sie sich Sorgen über einen Bewerber machen würden, bei dem es gar keine solche Spuren gibt, dass er gelebt hat.

Hat Bild-Chef Kai Diekmann das kapiert, wenn er jetzt selbst bloggt und mit Halbinformationen die schlechten über ihn verdrängt?
Ja. Ob er damit Erfolg hat, muss man sehen, aber erst einmal ist es geschickt, den Eindruck zu erwecken, die kritischsten Sachen über Kai Diekmann schreibt er in seinem eigenen Blog.

Ich muss also als Journalist aktiv ins Netz gehen, um mit positiven Nachrichten die schlechten in der Google-Liste nach hinten zu drängen.
Das ist mir zu technisch gedacht. Es geht darum, dass ich dort stattfinde und mit den Menschen kommuniziere; dass man sich von mir ein Bild machen kann, das nicht nur aus den Beschimpfungen meiner Gegner besteht. Wenn es mir nicht ganz egal ist, was da über mich steht, dann muss ich mit den Leuten reden. Das wird nicht den Mob verhindern und auch nicht die Deppen überzeugen, die gar nicht an einem differenzierten Bild interessiert sind, aber auf die kommt es sowieso nicht an. Wenn ich gute Argumente habe, werde ich Menschen überzeugen. Wenn ich daran nicht glauben würde, dürfte ich gar nicht erst Journalist werden.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion; Links von mir.

Zum Titelthema „Journalisten in der Öffentlichkeit: Zwischen abgehoben und bloßgestellt“ im aktuellen „journalist“ gehört noch eine Zusammenfassung der aktuellen Auseinandersetzungen samt frischen Zitaten von Eva Schweitzer, die die deutsche Blogosphäre mit einem von ihr selbst im Hafen in New York gesehenen Kriegsschiff mit 300 Marines vergleicht und für vergleichsweise harmlos hält, und eine Umfrage in den Online-Redaktionen, wie sie mit über die Stränge schlagenden Kommentatoren umgehen.

Kurz verlinkt (43)

Der November ist wenigstens ehrlich und macht seinen Job: Er reißt die letzten bunten Blätter von den Bäumen, schiebt regelmäßig seine dunklen Wolken vor die Sonne, lässt kalten Regen auf die graue Stadt fallen und sagt: Meint Ihr mir macht das Spaß? Als die Feiertage verteilt wurden, sagte er, O.K. Leute, ich nehme den Volkstrauertag und den Totensonntag, muss man nicht drumrum reden, passt halt ganz gut mir und irgendwer muss es ja machen. Ja, ich weiß, ist Dunkel, mach halt Licht an.

Christian Gottschalk rechnet mit dem ollen Dezember ab — und verrät als praktischen Service, was im nächsten Monat in den Zeitungen stehen wird.

Bausch am Sonntag

Zehn Tage ist die Verleihung des Hans-Bausch-Mediapreises jetzt schon her, und so merkwürdig mir die Aufmerksamkeit erscheint, die mir da entgegengebracht wurde (am Bahnhof in Stuttgart stand ein SWR-Kamerateam, um zu filmen, wie ich aus dem Zug stieg!), und so schwindelerregend mir das Podest vorkommt, auf das man mich da gestellt hat — es war eine besondere Anerkennung und ein toller Abend. (Ich hatte erst überlegt, darüber einen längeren Erlebnisaufsatz zu schreiben, kam mir dabei aber auch seltsam vor. Deshalb stattdessen nur dieser späte, kurze Hinweis.)

Wer mag, kann sich hier die Fernsehsendung ansehen und hier einige Fotos von Mario Sixtus.

Das Grauen im Zeichen des goldenen Rehs: Die Bambi-Verleihung 2009

27. November 2009, 09:30 Uhr
Das Gute an dieser Bambi-Verleihung (und glauben Sie mir, es ist nicht einfach, einen Eintrag über diese Bambi-Verleihung mit den Worten „Das Gute an dieser Bambi-Verleihung“ zu beginnen), jedenfalls: Das Gute an dieser Bambi-Verleihung war, dass man als Zuschauer vor dem Fernseher das Gefühl hatte, mit seinem Grausen nicht allein zu sein. Auch das Publikum im Saal schien von einer lähmenden Fassungslosigkeit ergriffen zu sein und reagierte auf das, was es sich da ansehen und anhören musste, indem es sich über weite Strecken totstellte. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass sich auch Regisseur und Aufnahmeleiter entweder erhängt oder ins Ausland abgesetzt hatten – vielleicht waren sie aber auch nur damit beschäftigt, hinter der Bühne Autoren und Verantwortliche zu würgen.

Nun soll man ja mit Superlativen vorsichtig sein, und die Reihe misslungener Preisverleihungen ist lang, aber dieser Abend war in seiner Furchtbarkeit etwas besonderes.

Anstelle von Moderatoren führten die DDR-Eiskunstläuferin Katarina Witt und der Sportkommentator Tom Bartels mit der Geschmeidigkeit sehr großer Eisberge durch den Abend. Die Pointen (oder besser: „Pointen“), die ihnen die Autoren geschrieben hatten, legten sie jeweils vor sich auf den Boden, um dann unter ohrenbetäubendem Schweigen des Publikums darüber zu stolpern. Für einen winzigen Moment immerhin hatte Witt meine Sympathien: Peter Maffay hatte gerade mit einer Schar traumatisiert wirkender „Kinder der Einheit“, die aussahen, als hätte man sie mit der Androhung lebenslangen Eis- und Computerentzuges zu diesem Auftritt genötigt, „Über sieben Brücken musst Du gehen“ gesäuselt, als Witt versehentlich treffend kommentierte: „Immer wieder zum Weinen schön.“ Dann fügte sie allerdings hinzu: „Die einfühlsame Interpretation unseres Karat-Songs“, und das klang auf eine Art schnippisch, dass man sich man sich fast wünschte, es gäbe noch ein Drüben, wohin man sie zurückschicken könnte.

Zuvor hatte Helmut Kohl für die deutsche Einheit, die anscheinend ganz allein sein Werk ist, einen „Millenniums-Bambi“ erhalten. Theo Waigel überreichte ihn dem geschwächten Altkanzler zuhause. Offenbar per Videobotschaft ins Wohnzimmer gratulierte dann José Manuel Barroso auf deutsch, was vielleicht für Kohl ein bewegender Moment war, für die Zuschauer in der Potsdamer Halle und zuhause aber doch eine eher abwegige Idee. Über Helmut Kohl hieß es in dem Film, der ihn preisen sollte: „Den Mächtigen der Welt begegnete Kohl auf Augenhöhe“, was nur einer von vielen merkwürdigen Sätzen an diesem Abend war, die aber meist innerhalb von Sekunden durch eine weitere verunglückte Situation selig in Vergessenheit gerieten. In diesem Fall konkret durch die Worte, die Tom Bartels an den Kanzler in die Ferne richtete:

„Wir haben auch noch eine ganz besondere Überraschung für Sie. Denn ohne deutsche Einheit ständen diese beiden Kinder heute nicht hier. Sie haben einen entscheidenden Anteil zur deutschen Einheit beigetragen. Denn diese beiden Kinder haben Eltern aus Ost- und aus Westdeutschland.“

Und dann standen da zwei eingeschüchterte Kinder, die zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer wie Naturwunder präsentiert wurden und aufzählen mussten, woher ihre Eltern stammen.

Maximilian Schell bekam noch einmal einen Lebenswerk-Bambi, Kate Winslet wurde als „Schauspielerin International“ ausgezeichnet, Giorgia Armani für Kreativität und die Klitschko-Brüder für Sport, Wolfgang Joop wurde von seiner Tochter Jette mit einem Sonder-Bambi überrascht („Der einzige wirkliche Superstar: Mein Papi!“), und Jürgen Schulz für sein Engement für Familien mit schwerst- und unheilbar kranken Kindern gewürdigt.

Die Zuschauer konnten live per Telefon das „TV-Ereignis des Jahres“ bestimmen („Krupp – eine deutsche Familie“), leider aber weder die Moderatoren, noch die Autoren aus der Sendung wählen, die fast jede Beschreibung der Preisträger und Nominierten aus der Grabbelkiste mit den Standardfloskeln gefischt hatten: Edgar Selge? „In jeder Sekunde verschmolzen mit seiner Filmfigur.“ Christian Ulmen? „Erobert die Herzen der Kinobesucher.“ Florian-David Fitz? „Verkörpert genial den modernen Mann zwischen Perfektion und Chaos.“ Simone Thomalla? „Eine Powerfrau, die sich jeder Herausforderung stellt.“

Doch, bei Christoph Waltz war ihnen etwas Besonderes eingefallen: „Wer mit Brad Pitt in einer Liga spielt, macht sich einen Namen in der ganzen Welt.“ Ja. Naja.

Ein seltener Lichtblick an diesem Abend, der sonst zwischen Roboterhaftigkeit und Peinlichkeit pendelte, war der Auftritt von Stephanie zu Guttenberg, der Frau des Verteidigungsministers, der wegen der aktuellen Diskussionen über den deutschen Angriff in Afghanistan kurzfristig abgesagt hatte. Sie sagte:

„Mein unmöglicher Mann hat mir vor anderthalb Stunden dieses Redemanuskript zugesteckt, auf die politische Gemengelage verwiesen und irgendwie so ein ‚Ich liebe Dich‘ gemurmelt und betont, dass er die Rede im Zweifel frei gehalten hätte. Denken Sie sich einfach bei den nächsten Worten den Verteidigungsminister in dieses Abendkleid.“

Sie verlas dann sehr sympathisch eine Laudatio auf Uli Hoeneß, die viel zu lang war (was aber ja nicht ihre Schuld war) und die sie mit den Worten beendete: „Sie haben ihn wirklich verdient, den Bambi, aber nicht verdient haben sie meine holprige Rede, die ich gerade zum ersten Mal gelesen habe.“

Dass es trotzdem vergleichsweise angenehm war, ihr zuzuhören, lag auch daran, dass sie einfach vom Zettel ablas und nicht wie fast alle anderen vom Teleprompter. Beim Ablesen klangen die meisten der vermeintlichen Profis wie Kinder in der vierten Klasse, die sich so sehr auf das richtige Erfassen der Wörter konzentrieren, dass sie das, was sie da sagen, nicht gleichzeitig auch noch verstehen können. Besonder bizarr wirkte das bei den Scorpions, die zu dritt haarscharf an der Kamera vorbei auf die ihnen offenkundig fremden Buchstaben schauten und aussahen, als würden sie am liebsten ihre Finger über die Zeilen gleiten lassen, während sie schon damit überfordert waren, noch wie respektable Hardrocker auszusehen und dabei Shakira zu loben.

Christoph Wonneberger, der Pfarrer, der in der Leipziger Nikolaikirche die Friedensgebete koordiniert hatte, aus denen sich die die Montagsdemonstrationen entwickelten, wurde dafür mit einem „Stille Helden“-Bambi belohnt. Er nutzte die Bühne für einen holprigen, aber von Herzen kommenden Appell zur radikalen Abrüstung und zog aus seinem Anzug eine Fahne „Schwerter zu Pflugscharen“. Er bekam dafür zu Recht deutlich mehr Applaus als Moderator Tom Bartels, der unmittelbar danach gönnerhaft herablassend hinzufügte: „Meine Damen und Herren, wir können heute abend alle frei unsere Meinung äußern, und darauf können wir sehr stolz sein.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber das Publikum ohnehin längst gegen sich.

Außer der Ersatzfrau für den Verteidigungsminister blieben noch Laudator Michael Mittermaier, der das Publikum im Saal aufweckte, und Roland Emmerich positiv in Erinnerung: Der Katastrophenfilm-Regisseur, weil er erzählte, dass er so ein Bambi immer schon gerne haben wollte und sich erinnerte, wie er als Teenager vor dem Fernseher saß und sah, wie ihn so Leute wie Uschi Obermaier bekamen — nein: Uschi Glas!, naja, ist ja auch schon zwanzig Jahre her. Schnitt auf Uschi Glas im Publikum. Wenn sie klug ist, bleibt sie nächstes Jahr zuhause. Und die anderen auch.

Hajo Schumacher rächt seinen Prometheus

Der Kolumnist, Buchautor und N24-Kommentator Hajo Schumacher ist ein Mann, der dafür plädiert, Verantwortung zu übernehmen. Sich zum Beispiel nicht darüber zu beklagen, wenn Verlage ihre Mitarbeiter mit einem lächerlichen Hungerlohn abspeisen, sondern einfach die Fesseln der Abhängigkeit abwerfen, sich selbständig machen, und — wie ich — mit Haltung, Fleiß und Leidenschaft Arbeitsplätze schaffen.

Nun gut, ich finde die Formulierung mit den „Arbeitsplätzen“, was mich betrifft, ziemlich abwegig, und wenn ich ehrlich bin, erleichtert es mein Leben ganz enorm, dass ich nicht vom Bloggen allein leben muss, sondern auch für eine Zeitung wie die FAZ arbeiten kann, die mich ordentlich bezahlt. Aber irgendwie bin ich zu einem Positivbeispiel in einem Text des Kollegen Hajo Schumacher geworden, und das ist unangenehm genug.

Jedenfalls plädiert dieser Hajo Dampf in allen Gassen dafür, dass Menschen Verantwortung für ihr Leben übernehmen anstatt nur jammern und andere für das eigene Elend verantwortlich machen. Das gilt aber nicht für ihn selbst. Daran, dass der von ihm ins Leben gerufene Preis „Goldener Prometheus“ das Zeitliche segnete, ist jedenfalls nicht Hajo Schumacher Schuld — sondern der freie Journalist und Autor Tom Schimmeck.

Als Schumacher in seinem PDF „V.i.S.d.P.“, einem Überbleibsel des gleichnamigen gleichfalls verblichenen Vorgängermagazins, vor ein paar Wochen das Ableben bekannt gab, blieb er noch vage und schrieb:

Nun wird dem Goldenen Prometheus das Licht ausgeblasen, denn selbst mit der bisher praktizierten Selbstausbeutung ist die Party nicht mehr finanzierbar. Zudem nervt das bisweilen bösartige Gemäkel einer notorisch schlechtlaunigen Branche.

Gegenüber der Seite journalistenpreise.de aber sprach er jetzt etwas, das man für Klartext halten könnte:

„Ungerecht in die Fresse“

„Heftig touchiert“ habe ihn 2009 außerdem ein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung. „Der Artikel hat mir zuerst die Laune versaut und uns dann die Sponsoren vertrieben. Autor Tom Schimmeck, der früher mal für ordentliche Recherche bekannt war, hat es nicht für nötig gehalten, mit uns zu reden. Aber vorher hat er die ganze alte Stereotypen-Soße ausgekippt, weil man es doch tatsächlich gewagt hat, Sponsoren aufzutreiben. Das soll im Preis-Gewerbe allerdings relativ normal sein, weil so ein Abend um die 200 000 Euro kostet. In Frankfurt beim Deutschen Journalisten Preis holen sich die feinsten Kollegen Kohle ab, die von der Derivate-Branche spendiert wird. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand aus ethischen Gründen auf 10 000 Euro verzichtet hätte“, so Dr. Schumacher.

Seit der Veröffentlichung habe er großes Verständnis für Politiker und anderen Personen, die sich heftig zur Wehr setzen gegen recherchefreien Totschläger-Feuilletonismus. „Es gibt kaum Chance zur Gegenwehr. Fakt ist: So ein Artikel, mag er noch so dünn sein, steht auf ewig in den Archiven. Dass potentielle Sponsoren sich solche Kritiken anschauen und dann abwinken, das ist doch normal. Und am nächsten Tag wird in derselben Süddeutschen Zeitung mit viel Timbre im Text von den Machenschaften böswilliger Kollegen berichtet – dieses Empörungsgeheuchel ist widerwärtig.“

Schimmecks Artikel, den er meint, kann man hier nachlesen, und es überrascht mich nicht, dass Hajo Schumacher zwar kein Problem mit PR-treibenden Journalisten hat, aber mit kritischem Journalismus.

Der Text auf journalistenpreise.de lässt nur vermuten, dass die beunruhigende Formulierung vom „recherchefreien Totschläger-Feuilletonismus“ auch von Schumacher stammt, aber auch den Vorwurf, dass Schimmeck mit „uns“ nicht geredet hat, widerlegt der SZ-Artikel selbst: Offenkundig hat der Autor mit Rudolf Hetzel gesprochen, dem Eigentümer des rührigen PR-Verlages Helios und früheren Geldgeber von Schumachers Projekten. Hetzel kommt mit vielen Zitaten zu Wort. Schimmeck sagt, dass er für den Artikel zwei Interviews mit Hetzel geführt habe.

Das muss die „Recherchefreiheit“ sein, die Schumacher meint. Wenigstens ist jetzt klar, warum er neulich, als es um die Verantwortung von Verlegern und Journalisten ging, so besinnungslos auf Schimmeck eingeschlagen hat, sein Denken „zutiefst menschenfeindlich“ nannte und ihn mit dem „Fossil“ Margot Honecker verglich. Weil er glaubt, dass Schimmeck seinem Prometheus das Feuer ausgepustet hat.

(Dass ich der Meinung bin, dass es um diesen komischen Preis nicht schade ist, ist keine Überraschung.)