Süddeutsche Zeitung
Warum kandidiert Wolfgang Kubicki plötzlich für den Vorsitz seiner Partei? Der „Spiegel“ hat den alten FDP-Mann das gefragt, und die Antwort ist gar nicht überraschend. Überraschend ist, wie offen Kubicki sie selbst formuliert.
Das Problem sei, sagt er, dass die FDP „kaum noch in Erscheinung getreten“ sei. Seinem Gegenkandidaten Henning Höne, der – gerade sicherheitshalber nachgeschlagen – Fraktions- und Parteichef in Nordrhein-Westfalen ist, traue er nicht zu, „dieses Problem in der sehr kurzen Zeit, die wir haben, zu durchbrechen“.
Was ihm fehle? Bekanntheit. Dass er jetzt wegen des „kleinen Battle um den Vorsitz häufiger in den Medien vorkommt“, ändere daran nichts. „Es kommt für den nachhaltigen Bekanntheitsgrad auf die Verweildauer in den Medien an.“
Das klingt fast tautologisch: Wer bekannt ist, ist bekannt. Aber es macht zur zentralen, herausragenden Eigenschaft, die Kubicki für den Vorsitz seiner Partei qualifiziert, das schlichte Vorkommen, Eingeladenwerden, Herumsitzen in Talkshows, Magazinen, nachrichtenähnlichen Sendungen.
Die unersättlichen Content-Produktions-Maschinen haben aus diesen Formulierungen gleich wieder aufgeregte, abwegige Schlagzeilen gemacht wie: „FDP-Vize Kubicki attackiert seinen Kontrahenten“. Und Höne selbst hat Kubicki auf eine geradezu rührende Art bestätigt, indem er ankündigte, er wolle sich jetzt in der Partei bekannter machen und deshalb mehrere Landesparteitage der Liberalen etwa in Bayern besuchen. Während Höne sich im Stadttheater Ingolstadt den Delegierten vorstellt, wird Kubicki die Tage im Zweifel in irgendwelchen Fernsehstudios verbringen, oder notfalls von zuhause dahin zuschalten lassen.
Es ist, wie gesagt, gar kein abwegiger Gedanke, dass eine Partei, die gerade so vom akuten Verschwinden bedroht ist, jetzt an der Spitze vor allem jemanden braucht, der die Menschen durch schiere Anwesenheit auf ihren Bildschirmen daran erinnert, dass es die FDP überhaupt noch gibt. Es ist eine interessante Variante des Satzes „Sie kennen mich“, mit dem Angela Merkel den Bundestagswahlkampf 2013 prägte. Bei ihr ging es damals um Glaubwürdigkeit, bei Kubicki geht es im wörtlichen Sinne darum, überhaupt bekannt zu sein.
Von Inhalten sprach er im „Spiegel“ in der Abgrenzung zu seinem Gegenkandidaten nicht, nicht einmal von Stil. Er sprach von „Verweildauer“.
Und wie gut er nach diesem Maßstab ist, beweist ja das „Spiegel“-Gespräch selbst: Drei Seiten hat das Magazin ihm eingeräumt, mit großem Portraitfoto. Höne bekam bislang kein Interview im „Spiegel“. Im Kubicki-Gespräch ist immerhin ein kleines Foto von ihm eingeklinkt, aber das ist noch weniger prominent platziert als ein Szenenbild aus der Serie „Band of Brothers“.
Die ist Thema in dem Gespräch, weil die „Spiegel“-Interviewer von Kubicki wissen wollten, ob er immer noch gerne Kriegsfilme schaue. „Band of Brothers“ sei seine Lieblingsserie, wissen sie und fragen, mit welchem der zwei Offiziere darin er sich eher identifiziert: dem nüchternen, asketischen Major Winters oder dem „leicht versoffenen Captain Nixon, der mit Eheproblemen kämpft“.
Die Frage ist natürlich eine Frechheit, weil das Gespräch damit begann, dass die „Spiegel“-Leute Kubicki mit seinem 16 Jahre alten Zitat konfrontierten, er würde, wenn er von Kiel nach Berlin gehen, „zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock“. (Kubicki sagt trotzdem, Major Winters sei ihm näher, weil dessen oberste Sorge immer der eigenen Kompanie gelte. Profi.)
Nachdem das Interview erschienen war, bewarb es Kubicki auf X mit den Sätzen: „Von den vielen Interviews, die ich in den letzten Tagen geführt habe, ragt das mit dem ‚Spiegel‘ in besonderer Weise heraus. Sie haben es geschafft, nicht eine einzige inhaltliche Frage zu stellen.“ Diese Art von Medienkritik könnte man für mutig halten, ist es im konkreten Fall aber nicht, weil sie für Kubicki einzahlt auf die Marke eines Politikers, der sich traut zu sagen, was er denkt. Und weil „Spiegel“-Schelte eh gut ankommt in dem Milieu, das er anspricht.
Nun ist es ein bisschen verblüffend, dass Kubicki sich über fehlende Inhalte beklagt, wenn er selbst gar nicht bestreitet, dass es um die bei seiner Kandidatur für den Parteivorsitz nicht geht.
Andererseits muss man festhalten, dass er recht hat: Um Inhalte ging es den „Spiegel“-Leuten nur ganz am Rande. Man merkt es auch an der Art, wie das Gespräch präsentiert wird. „Wolfgang Kubicki lästert über seinen Konkurrenten für den Vorsitz bei den Liberalen, weist den Vorwurf des Rechtspopulismus zurück und erklärt seinen liebsten Kriegsfilm“, steht über dem Interview. Aber es ist ja auch nicht so, dass sich die „Verweildauer“ Kubickis in den Medien dadurch erklärte, dass man von ihm besonders fundierte politische Analysen oder programmatische Vorstellungen erhielte. Was man von ihm erhält: gut gelaunte, bösartige, zugespitzte Kommentare, Krawall, Unterhaltung.
Auf die Frage des „Spiegel“, was in diesem Land gerade passiert, antwortet Kubicki mit dem Verweis auf seine Wahlkampfveranstaltungen, die immer „total voll“ gewesen seien. „Die Leute waren einfach neugierig. Weil sie wissen wollten, ob der Kubicki wirklich so ein lustiges Kerlchen ist. Und weil sie von mir klare Aussagen bekommen. Da gibt es einen großen Bedarf. Auch danach, dass die Dinge wieder laufen.“
Kubicki: Erfüllt den Bedarf nach klaren Aussagen. Und dass Dinge wieder laufen.
Für Medien erfüllt Kubicki nicht zuletzt den Bedarf nach Unterhaltung. Während der FDP-Mann sich über das Interview beklagte, feierte es der „Spiegel“ selbst in seinem Newsletter. Christoph Hickmann, einer der Interviewer, wird darin zitiert mit den Worten: „Ich hatte Kubicki länger nicht erlebt. Aber was Schlagfertigkeit und Streitlust angeht, ist er ganz der Alte.“
Es ist natürlich ein problematisches Verständnis von Politikjournalismus, vor allem die Schaulust des Publikums bedienen zu wollen. Aber es gibt angesichts der Verdruckstheit und Ängstlichkeit, die viele Politiker der sogenannten Mitte lähmt, vielleicht auch in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach einem solchen „Raufbold“ („Spiegel“).

Und wer weiß, vielleicht hat Kubicki es ja auch genossen, sich mit den „Spiegel“-Leuten zu raufen. Das ist er bei vielen anderen Interviews nicht mehr gewohnt. Im Fernsehstudio der „Welt“, in dem er zeitweise zu leben scheint, servieren ihm die Moderatoren servil Finden-Sie-nicht-auch-dass-Fragen. Und bei den Krawalljournalisten von „Nius“, bei denen er gerne zu Gast ist, musste er neulich aufpassen, nicht auf der Schleimspur auszurutschen, auf der ihm dessen Chef Julian Reichelt nach der Bekanntgabe der Kandidatur entgegenkam. Kubicki machte sich milde lustig, dass Reichelt eine „Erweckungssituation“ erlebt habe, und fügte hinzu: „Wenn ich dazu beigetragen habe, Ihr Leben glücklicher zu machen, ist der erste Schritt getan, auch unser Land wieder nach vorne zu bringen.“ Gelächter allenthalben.
Das kann man angesichts der rechten Wut, die „Nius“ täglich anfeuert, gruselig finden. Aber wer will schon die gute Laune zerstören?