Süddeutsche Zeitung
Nicht alles, was in diesem Buch steht, ist Unfug. Aber dann ist es Unfug, dass es in diesem Buch steht.
Zum Beispiel, was Marc Friedrich im Kapitel über „Framing“ schreibt: „Wenn der Gegenüber als ‚Feind‘ markiert wird, endet der demokratische Diskurs fast zwangsläufig.“ Er kritisiert, dass in den großen gesellschaftlichen Debatten in den vergangenen Jahren zunehmend binäre Narrative gepflegt würden. „Diese Entwicklung führt zu einer gefährlichen Spaltung durch Schwarz-Weiß-Denken, bei dem ‚Wir‘ (Vernunft, Solidarität, Haltung) gegen ‚Die‘ (Wahnsinn, Egoismus, Verrat) stehen.“
Das ist nicht falsch. Allerdings stehen diese Sätze in einem Buch, das selbst jeden Grauton vermeidet. Das sich ein Thema nach dem anderen vornimmt und schwarz-weiß-denkt. Das eine einzige polemische Abrechnung mit der angeblichen Sprache und den unterstellten Zielen der Linken ist. Dessen Autorinnen und Autoren stellvertretend für ihre Leserschaft aus der Position eines vernünftigen, rechten Wir gegen eine verrückt gewordene Linke anschreiben, die in ihrem Wahn alles zerstöre, teilweise sogar absichtlich.
Marc Friedrich, der sich vor allem als Prophet nicht eintretender Crashs einen Namen gemacht hat, meint in seiner Beschreibung der „gefährlichen Spaltung“ natürlich das Gegenteil: das Ausgrenzen bestimmter Positionen durch einen linken Mainstream. Aber die von ihm beschriebene Markierung des Gegenübers als „Feind“, die völlige Unmöglichmachung politischer Gegner, ist genau das Geschäft, das das Online-Medium Nius betreibt, das dieses Buch herausgegeben hat. Das publizistische Geschäft von Nius unter der Leitung von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt ist nicht nur durch die eigenen extrem rechten politischen Positionen und Haltungen geprägt, sondern vor allem durch Wut. Sie ist Antrieb, Mittel und Ziel. Demokratischer Diskurs? Am Arsch.

„Links-Deutsch/Deutsch-Links“ ist das erste Buch von Nius. Als satirisches Wörterbuch steht es in einer gewissen Tradition. Eckhard Henscheid und die „Titanic“-Redaktion haben sich in den 1980er Jahren in zwei „Dummdeutsch“-Büchern an Modewörtern wie „abfahren“ oder „Erlebnisgastronomie“ abgearbeitet. Der Komiker Mario Barth veröffentlichte 2004 – sogar bei Langenscheidt – den lustig gemeinten Männerratgeber „Frau-Deutsch/Deutsch-Frau“.
Solche Wörterlisten sind eine sehr zugängliche Form von Gesellschaftskritik. Es braucht keine großen Linien oder tiefe Gedankenschürfungen. „Links-Deutsch/Deutsch-Links“ genügen, um die Lächerlichkeit oder Perfidie vermeintlich linker Ausdrücke deutlich zu machen, viele einzelne Miniaturen von verschiedenen Autoren mit bissigen oder sarkastischen Kommentaren. („Pointen“ könnte man auch sagen, wenn es nur lustiger wäre.)
Der Eintrag zu „Transfrau“ besteht nur aus einem Wort: „Mann.“
Ein „Faktenchecker“ wird definiert als ein Journalist, „der stets nachzuweisen hat, dass die Kritiker etwas Falsches behaupten und die Regierung immer recht hat.“
„Morddrohung“? „Im Plural Kampfinstrument der politischen Linken, um sich nach deftigen Reaktionen auf ihre Provokationen als Opfer gerieren zu können, gewissermaßen das Arschgeweih der Hasskamarilla.“ (Auf Amazon rühmen Rezensenten das Buch übrigens als „Wohltat sprachlicher Präzision mit verblüffender Sachlichkeit“.)
In ihrem Eintrag zum Begriff „gebärende Person“ stellt Birgit Kelle fest, „dass nur Frauen und nichts als Frauen Kinder bekommen können“. Und weder ihr noch einem Lektor, dessen Existenz zumindest theoretisch nicht auszuschließen wäre, ist aufgefallen, dass sie mit der Formulierung „nichts als Frauen“ anstelle von „niemand außer Frauen“, die wohl maximales Beharren auf einem Dogma oder Naturgesetz symbolisieren soll, Mütter zu einer Sache macht. Eine gewisse Liebe zur deutschen Sprache war offenkundig nicht Voraussetzung dafür, an diesem Buch mitzuwirken.
Aber es ist im engeren Sinne auch kein Sprach-Buch. Es sind oft nicht die Wörter, die die Autoren ablehnen, sondern die Dinge, die sie bezeichnen. Etwa das „E-Auto“. „Das E-Auto ist kein Auto“, proklamiert Nius-„Managing Editor“ Philippe Fischer. Er unternimmt aber nicht einmal einen Versuch zu einem Vorschlag, was es stattdessen ist und wie man es bezeichnen könnte, sondern schreibt nur, es sei „etwas völlig anderes. Ja, es fährt. Ja, es ist individuelle Mobilität. Und ja, es sieht aus wie ein Auto. Aber es ist eben kein Auto. (…) Wenn in Deutschland das Wort Auto fällt, dann versteht unser Gehirn und unsere deutsche Seele eben nicht einfach Karrosserie, Verbrenner, vier Räder. Nein, jeder Mensch aus der Mitte unserer Gesellschaft versteht beim Auto diese sagenhafte Wertschöpfungskette, die wie Kapillargefäße in die hintersten Winkel unseres Landes hineinreicht. (…) An dem, was wir mit Auto meinen, hängen unzählige Sportvereine mit ihren Trikotsponsoren und mit ihren Clubheimen, Umkleidekabinen, kleine Volksfeste, soziale Infrastruktur, Engagement, Pumpen und Wagen für die Freiwillige Feuerwehr. Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr.“
Fischer beweist: Wenn das Auto nur rechtzeitig erfunden worden wäre, hätte sich die deutsche Romantik nicht mit so profanen Dingen wie dem Wald beschäftigen müssen.
Aber er beweist auch, dass Rechte durchaus in der Lage sind, zu erkennen, dass etwas mehr sein kann als seine materielle Substanz. Die Vorstellung eines sozialen Geschlechtes lehnen sie ab und beharren – auch in diesem Buch – darauf, menschliche Identität auf ihre Biologie zu reduzieren. Dem Auto gestehen sie etwas zu, was sie Frauen nicht zugestehen.
Die meisten Kapitel wurden von festen Mitarbeitern der Nius-Redaktion geschrieben, aber man schmückt sich auch mit einigen prominenteren Gastautoren, die durch ihr Mitwirken vor allem beweisen, keine Berührungsängste nach rechts und nach unten zu haben. Bild-Kolumnist Harald Martenstein hat ein Kapitel über den problematischen Gebrauch des Wortes „Experte“ beigesteuert. Ein typisch linker Satz beginne mit den Worten „Experten sagen, dass“, behauptet er, während Liberale und Konservative eher formulieren: „Ich glaube, dass …“ oder „Wir sollten aber auch Folgendes bedenken …“. Wenn er damit recht hätte, wäre es ein weiterer Beweis, dass zumindest dieses Buch nicht von Liberalen oder Konservativen geschrieben wurden.
Gloria, die sogenannte Fürstin von Thurn und Taxis, hat lustigerweise über „Haltung“ geschrieben („ein aristokratisches Attribut, welches den Kindern, auch in gutbürgerlichen Familien, schon von klein auf anerzogen wird“).
Wolfgang Kubicki, der möglicherweise zukünftige, letzte Vorsitzende der FDP, arbeitet sich am Begriff des „Gemeinwohls“ ab und wirbt „für eine Kultur, in der sich erfolgreiche Menschen nicht verstecken müssen, sondern in dem alle verstanden haben: Ihr Gewinnstreben dient dem Gemeinwohl.“
Und Waldemar Hartmann, der große Weißbier-Intellektuelle, schreibt über den Begriff „rechts“ und staunt, dass er nicht mehr in der politischen Mitte verortet, sondern als „Rechter gehandelt“ wird, obwohl er sich seit 40 Jahren nicht verändert habe. Darauf muss man auch erst stolz sein wollen.
Es ist nicht immer klar, ob die Autorinnen und Autoren dieses Buches sich dummstellen, um witzig zu wirken, oder das Nichtverstehen echt ist. Etwa wenn der Kampf gegen den Klimawandel als „Wohlstandsabbau zum Zweck der Wetterverbesserung“ bezeichnet wird. Oder behauptet wird, dass die Warnung vor einer Klimakatastrophe „auf Modellen basiert, die so zuverlässig sind wie Wettervorhersagen für den nächsten Sommer“.
Besonders bizarr ist der Eintrag zum Thema „Medienkonzentration“ – ein Wort, das man bislang nicht als besonders linken Kampfbegriff verortet hatte, aber das laut Nius-Moderator Andreas Dorfmann nur dazu dient, Angst zu machen vor honorigen „privatwirtschaftlichen Unternehmern“ wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Larry Ellison. In einem seltenen Anfall von Recherche hat er herausgefunden, dass die KEK, die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, „auf ihrer Homepage sogar einen eigenen Menüpunkt hat, der Medienkonzentration heißt“! Für alle, die das nicht glauben können, enthält eine Fußnote sogar den konkreten Link, der direkt dort hinführt! Eine Behörde, die sich mit Medienkonzentration befasst, diese Aufgabe in ihrem Namen führt und sogar auf ihrer Internetseite darauf hinweist – kein Verschwörungstheoretiker könnte es sich wilder ausdenken. Das muss dieses berühmte Konzept sein, das im Englischen „Hiding in plain sight“ heißt.
Eigentlich liefern viele von der Linken geprägten oder bevorzugten Wörter genug Angriffsflächen für eine ernsthafte Kritik. Wieso wurde plötzlich „toxisch“ zu einem solchen Modewort und was bedeutet es wirklich? War der Begriff „Flüchtling“ wirklich so problematisch, dass er durch „Flüchtender“ ersetzt werden musste, und in wie vielen Situationen wäre „Migrant“ nicht ohnehin der richtige Ausdruck gewesen? Aber dort, wo die rechten Kritiker Punkte machen könnten, übertreiben sie ihre Polemik maßlos und arbeiten sich lieber an Pappkameraden ab statt am realen Sprachgebrauch.
Natürlich könnte man auch diskutieren, ob der Begriff „Nazi“ in aktuellen politischen Debatten zu oft und undifferenziert genutzt wird. Aber erstens findet diese Diskussion fortwährend und an vielen Stellen im sogenannten Mainstream statt. Und zweitens möchte man diese Diskussion vielleicht nicht mit jemandem führen, der, wie Nius-Redakteur Jan Karon, einfach lapidar ohne größere Erläuterung behauptet, dass „echte Faschisten mit positivem NS-Zug heute so gut wie nirgends mehr zu finden sind“.
Interessanterweise haben sich einige der Begriffe, die sie hier kritisieren, ohnehin nicht wirklich im Sprachgebrauch durchgesetzt, sondern werden fast nur noch dadurch am Leben erhalten, dass sie von rechts immer wieder als Negativbeispiel oder Karikatur herbeizitiert werden. Man kann darüber streiten, ob „Demokratieabgabe“ wirklich ein brauchbares Synonym für den Rundfunkbeitrag ist, aber wer nutzt ihn überhaupt so? (Das Nius-Buch setzt natürlich selbst das Wort „Rundfunkbeitrag“ in Anführungszeichen und ersetzt es durch „Zwangsgebühr“.)
Oder das Wort von der möglichen „kulturellen Bereicherung“ einer Gesellschaft durch Flüchtlinge, das fast nur noch eine hämische Vokabel ist, mit der Rechte winken, wenn die Straftat irgendeines Zuwanderers in den Nachrichten ist. Jan Karon übersetzt es als „aufgeblasenen Euphemismus für die selbstzerstörerische Einwanderungswelle, die Deutschland mit [sic!] Messerstechereien, Clan-Kriegen und Parallelgesellschaften bringt“.
Es hätte, anders gesagt, leicht ein sehr viel besseres Buch werden können, aber der Gedanke führt natürlich in die Irre: Warum hätten die Nius-Leute ein klügeres, richtigeres, erhellenderes Buch schreiben sollen, wenn genau diese plumpe, übertriebene, billige Form der Polemik bei ihren Lesern so gut ankommt? Gemeinsam wird begeistert unter „Endlich sagt’s mal jemand“-Rufen jeder Evergreen aus der rechten Karaoke-Maschine von Gender bis Klimawahnsinn noch einmal kurz angestimmt.
Das Buch hat es in der Kategorie Paperback auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft, was von Nius gefeiert wurde wie ein Brandmauerfall. Von einer „überwältigenden Nachricht“, schwärmte Nius-Moderator Norbert Dobeleit, und sprach von der „heiligsten Liste eines Milieus, das nichts mehr fürchtet als ein Buch, das die politischen Mechanismen der Linken aufdeckt.“ Julian Reichelt erklärte diesen Erfolg zu einer „Zeitenwende“ und schwurbelte glückstrunken: „Dieses Buch ist nicht einfach irgendein Buch; dieses Buch ist eine Befreiungsbewegung.“
Nein, es ist irgendein Buch, das in snackbarer Form die Ressentiments eines größeren Teils der deutschen Bevölkerung bedient und dessen relativer Erfolg niemanden überraschen kann, der den Aufstieg der AfD und das Florieren rechter Publizistik bemerkt hat. Erhellend an „Links-deutsch“ ist allenfalls, in welchem Maße sein rechter Herausgeber Julian Reichelt eine totale Dominanz linker Politik in Deutschland diagnostiziert und das auf die totale Dominanz linker Sprache zurückführt. „Nichts ist mächtiger als das Wort“, schreibt er im Vorwort, „und wir leben in einem Land linker Worte.“
Es ist verblüffend, wie sehr sich Reichelt den Gedanken zu eigen macht, dass Wörter unser Bild von der Realität entscheidend prägen – ein Konzept, das ja gerade von der Linken beschworen wird, weshalb sie sich so viele Gedanken über richtige und falsche Begriffe macht, was regelmäßig von rechts als „Sprachpolizei“ diffamiert wird. Wer aber Reichelts Diagnose teilen will, dass der ganze Diskurs links geprägt ist, muss schon sehr angestrengt ignorieren, wie leicht zum Beispiel ein „Heiz-Hammer“ den schönen Klang eines Begriffes wie „Energiewende“ zertrümmern konnte.