Eine ungute Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstverachtung

Süddeutsche Zeitung

Sebastian Hotz hat eine Mediensatire geschrieben: „Sidekick“.

Boris, die tragische Hauptfigur dieser Geschichte, ist von Beruf Prügelknabe und Lachnummer. Nach eigener Definition sogar im wörtlichen Sinne. Den Begriff „Sidekick“ für seine Funktion als Partner des Star-Moderators einer Late-Night-Show leitet er sich jedenfalls so her: „‚Side‘ heißt so was wie nebenbei, und ‚kick‘ heißt treten, ein Sidekick ist also jemand, auf den nebenbei getreten wird.“

(Boris hat offenbar nie bei Wikipedia nachgeschlagen, woher der Begriff wirklich kommt, aber die dortige Herleitung, die etwas mit Taschendieben zu tun hat und nur für die besondere Nähe zu einer anderen Person steht, ohne jedes Element des Getretenwerdens, hätte weder ihm noch der Geschichte geholfen.)

Jedenfalls hofft Boris, dass sich das jahrelange öffentliche Demütigenlassen bald auszahlt, denn Falk Anders, der mit seiner Show „Anders!“ auf Sat6 große Zeiten hatte, die schon eine Weile zurück liegen, will nun möglicherweise endlich die Moderation seiner Sendung abgeben. Boris sieht sich als natürlicher Nachfolger, aber diese Sicht hat er ziemlich exklusiv. Die Senderchefin plant stattdessen schon mit einer jungen Frau aus der Online-Welt. Und Falk Anders selbst ist gar nicht sicher, ob er wirklich schon den Platz räumen will.

Cover SIDEKICKDas ist die Ausgangsbasis von „Sidekick“, dem zweiten Roman von Sebastian Hotz, der unter dem Namen „El Hotzo“ als Witzemacher im Internet bekannt wurde – vor eineinhalb Jahren sogar weltberühmt, nachdem er einen heiklen Scherz über das Attentat auf Donald Trump gemacht hatte, was sogar den Humorpolizisten Elon Musk dazu brachte, auf seiner Social-Media-Plattform X den Bundeskanzler anzuschreiben. Von der Anklage, sich der „Belohnung und Billigung von Straftaten“ schuldig gemacht zu haben, wurde Hotz vor Gericht jedoch freigesprochen.

Wenn man das alles nochmal nachliest, fällt einem auf, dass diese echte Sache mit Sebastian Hotz viel irrer ist als die vermeintlich verrückte Geschichte, die er für seinen Roman erfunden hat. Und vor allem: dass sie so sehr in der Medienwelt von heute spielt, dass man sie sich vor ein paar Jahren noch nicht einmal hätte ausdenken können. Anders als die Geschichte aus „Sidekick“, die man sich auch vor zehn, zwanzig Jahren hätte ausdenken können.

Es hätte vor zehn, zwanzig Jahren auch deutlich näher gelegen, sie zu erzählen, als das lineare Fernsehen noch eine große Sache war und sich die Älteren sogar noch an Late-Night-Shows mit Moderator und Sidekick erinnern konnten. Harald Schmidt und Manuel Andrack zum Beispiel.

Boris, der Sidekick aus Hotz’ Roman, hat größere Parallelen zu Elton, dem Dauer-Anspielpartner von Stefan Raab. Und Falk Anders ist eine Mischung aus Schmidt, Raab und Gottschalk, plus etwas Böhmermann, für den Hotz selbst gearbeitet hat. Es ist aber eher ein leicht frivoles Spiel mit einzelnen auffälligen Ähnlichkeiten als ein Schlüsselroman. Hotz geht es darum, dieses ganze Milieu zu beschreiben, den Zynismus einer Branche, vom kleinen Lohnarbeiter bis zum Senderchef.

Leider beschreibt er diesen Zynismus detailliert exakt so, wie man ihn sich selbst auch ausgemalt hätte – wenn man sich im Jahr 2026 wirklich noch so viele Gedanken um quoten- und aufmerksamkeitsfixierte Produktionen des Privatfernsehens machen wollte – und wie er schon viele Male ausgemalt wurde. Mit der Ausnahme von ein oder zwei Nebenfiguren laufen nur skrupellose, egoistische Arschlöcher durch dieses Buch. Im Fall von Boris kommt immerhin noch eine ungute Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstverachtung hinzu.

Das Buch hat noch ein anderes großes Thema: eine untrennbare Vermischung von Inszenierung und Wirklichkeit. Es ist nämlich so, dass am Abend nach der letzten Show die Sache extrem aus dem Ruder läuft. Nach Jahren der Demütigungen rastet Boris aus und rächt sich an Falk – auf eine besoffene, undurchdachte, spektakulär dumme Weise.

Senderchefin Marianne weiß, was zu tun ist: Die reale Eskalation wird als eine weitere verrückte Inszenierung verkauft, wie man sie von diesem Falk Anders und seiner Sendung kennt. Je mehr die Beteiligten die Echtheit des Geschehens beteuern, desto mehr feiert das Publikum, wie gut das gespielt ist und freut sich am Nervenkitzel, dass es vielleicht ja doch real ist.

Alles funktioniert als PR, jeder zufällige Passant, Polizist oder Berichterstatter wird Teil des Marketings. Die Rollen, die Falk und Boris über Jahre in der Öffentlichkeit gespielt haben, definieren nun auch, wie ihr Handeln außerhalb dieser Show-Welt interpretiert wird, was entweder ungeahnte Wege eröffnet oder direkt in die Katastrophe führt.

Sebastian Hotz montiert in die Erzählung immer wieder Szenen der medialen Rezeption: den gedankenfreien Online-Artikel samt Anzeigenscam; den stolzen Bericht der Lokalzeitung über den ersten winzigen Fernsehauftritt des „gebürtigen Forchheimers“; das Podcast-Gelaber; die Insta-Story mit typischen Kommentaren („deshalb AFD!!!“); das exklusive Spiegel-Interview. Das ist oft bis ins kleinste Detail treffend und lustig. Aber es ändert nichts daran, dass diese Mediensatire von wenigen Szenen abgesehen eher harmlos und erwartbar geraten ist und die Witze für einen erfahrenen Humor-Handwerker wie Hotz überraschend angestrengt formuliert wirken.

Als Film kann man sich die „Sidekick“ allerdings gut vorstellen. Das ist natürlich nicht das Schlechteste, das man über ein Buch sagen kann, das vom Verlag als „unterhaltsames Roadmovie“ verkauft wird. Eine Verfilmung hätte aber auch den Vorteil, dass jemand die ganzen endlosen inneren Monologe der Protagonisten in Handlung und Dialog übersetzen müsste.

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