Süddeutsche Zeitung
So weit ist es schon gekommen: Jetzt verdienen Annemarie und Wayne Carpendale auch noch Werbegeld mit ihrer Trennung. In einem Instagram-Video sieht man die Moderatorin und den Schauspieler, wie sie getrennt voneinander nach Singapur reisen. Gemeinsam besuchen sie dort unter anderem einen Garten, in dem Orchideen nach berühmten Besuchern benannt sind. „Eine ‚Annie‘ wäre schön“, sagt sie. „Die redet dann die ganze Zeit“, nörgelt er. „Und eine Orchidee namens ‚Wayne‘ würde nie zuhören“, retourniert sie.
Das Video ist als bezahlte Anzeige für das Reiseziel Singapur markiert.
Es ist in gewisser Weise die konsequente Fortsetzung einer Partnerschaft, die sie vorher schon sehr öffentlich in den Sozialen Medien zelebriert haben. Offenbar muss mit der Beziehung nicht auch die lukrative Ausschlachtung des Privatlebens enden.
Man kann das kalkuliert und zynisch finden. Aber viel zynischer ist die Unterstellung eines anderen Kalküls, das Wayne Carpendale in einem weiteren Video anspricht: „Die Menschen hatten Recht. Annie und ich haben unsere Trennung nur so harmonisch dargestellt, weil wir noch gemeinsame Werbeverträge hatten. Genau genommen einen: Singapur. Jetzt mal ehrlich, wer bitte lässt sich Singapur entgehen?“
Ja, auch das ist ein bezahltes Werbevideo für das Fremdenverkehrsamt. „Das Schöne an Singapur“, sagt Carpendale: „Du kannst als Paar hinfahren. Als Freunde. Oder eben auch mit deiner Ex. Singapur ist ziemlich egal, welchen Beziehungsstatus du hast.“
Zynismus ist die falsche Kategorie, um das Fremdeln mit dieser Art Content zu erklären. Denn warum sollten ausgerechnet die beiden Prominenten ihre eigene Trennung nicht ausschlachten dürfen, wenn jedes Boulevardmedium es tut? Warum sollen andere daran verdienen, andere ihre Geschichte oder eine möglichst vermarktbare Version davon erzählen, aber nicht sie selbst?
Cringe ist wahrscheinlich eine besser Begriff für das Problem, das man mit diesen Posts haben kann. Aber Cringe ist Geschmackssache. Und dass es leicht ist, diese Posts peinlich zu finden, liegt nicht daran, dass sie amateurhaft oder ungelenk daherkommen, im Gegenteil: Es ist gerade die beeindruckende Professionalität, mit der sie gemacht sind, die Geschicklichkeit, mit der die Carpendales eine Art Outtake-Video einer Nicht-mehr-Paarreise werbewirksam produzieren, die einen verstörenden Effekt haben kann.
Wayne Carpendale produziert gerade beeindruckende Instagram-Videos im Akkord. Man merkt ihm dabei nicht immer an, dass er Tassenaufdruck-taugliche Lebensweisheiten angeblich furchtbar findet, wenn er Erkenntnisse teilt wie: „Die Menschen, die dich wirklich lieben, hören dich auch, wenn du still bist.“ Oder Ratschläge wie: „Wenn Menschen dich ohne Grund scheiße finden, dann gib ihnen einen.“
Er philosphiert: „Ungeschminkt kann jeder. Unverstellt ist das Schwierige“, und fügt hinzu: „Ich übe noch. Ihr auch?“ Aber er kann nicht nur Pathos, sondern inszeniert häufig aufwendige Dialoge mit sich in verschiedenen Rollen. Vor ein paar Wochen hat er einen fantastischen Sketch gepostet, in dem sich selbst und einen AfD-Mann (in schwarz-weiß) an seiner Haustür spielt und der nicht nur lustig, sondern vor allem sehr pointiert und klug ist.
Er beherrscht dieses Instagram-Game, und das zeigt sich auch darin, wie er auf den Meta-Ebenen balanciert und diesen Balance-Akt selbst wiederum zum Thema macht. „Falls ihr euch fragt, wann mein Account zur Masterclass in Trennungskunde geworden ist“, sagt er einmal: „Ich weiß es auch nicht. Und wenn euch unsere Trennung auf den Sack geht, dann einfach weiter scrollen. Deutschland hat größere Probleme. Glaubt mir, mir geht sie auch manchmal auf den Sack.“
Und dann nimmt er freundlich, aber vernichtend die „Bunte“ auseinander, die aus der offenbar sehr einvernehmlichen Trennung der Carpendales eine Titelgeschichte mit der Zeile „Ihr seltsames Ehemodell“ machte. „Für die Hüterin des guten, alten Rosenkrieges“, sagt Carpendale, „verkauft sich ‚Sie hassen sich‘ immer noch besser, als ‚Sie versuchen, gut und vernünftig, miteinander umzugehen.“ Er schafft dann sogar den Bogen von seinem Promi-Leben zu dem seiner 770.000 Follower: „Irgendjemand kommt immer von außen und versucht, dir dein Leben zu erklären. Bei mir ist es jetzt ein öffentliches Magazin, bei euch sind es vielleicht die Eltern, Schwiegermutter, Freunde, Familie. Irgendjemand, der erstaunlich viel Zeit hat, dein Leben zu bewerten.“
Carpendales Auftritt fällt auf, weil er so kreativ und professionell ist, aber vor allem auch, weil er seine Social-Media-Präsenz dafür nutzt, um positive Geschichten zu erzählen. Was soll man dagegen haben, wenn jemand zeigt, wie er versucht, so gut wie möglich, ohne eigene oder gegenseitige Verletzungen durch eine Trennung zu kommen, auch wenn das schwierig ist?
Das Video, in dem Wayne Carpendale erzählt, dass er und Annemarie nur so nett miteinander getan hätten, solange der Werbevertrag mit Singapur noch nicht erfüllt war, endet damit, dass er sagt: „Jetzt können wir endlich anfangen, uns in der Öffentlichkeit zu zerfleischen. (…) Vielleicht sollte ich jemanden fragen, der sich damit auskennt.“ Er greift zum Handy und man hört in der letzten Sekunde gerade noch, wie er „Hallo Olli“ sagt. Das Wort „Pocher“ fällt schon gar nicht mehr.
Nachtrag.
Nach der Veröffentlichung dieses Artikels hat Carpendale dieses Video gepostet:
q.e.d, sozusagen.