Wer für die FAZ normal ist – und wer nicht

Süddeutsche Zeitung

Jasper Philipp Hans von Altenbockum entstammt, wie man seinem Wikipedia-Eintrag entnehmen kann, einer Stammlinie des westfälischen Adelsgeschlechtes Altenbockum. Er hat in Tübingen, Berlin und Münster studiert, in den USA seinen Master gemacht und in Münster promoviert, arbeitet seit 1989 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, seit vielen Jahren in leitenden Positionen. Es ist nicht unbedingt das, was man eine durchschnittliche oder gar gewöhnliche Biografie nennen würde, aber Altenbockum empfindet sich als normal.

„Was haben wir Normalos davon, dass wir so normal sind?“, ist ein Zeitungskommentar von ihm überschrieben, online passenderweise nicht nur mit einem Foto des Autors illustriert, was automatisch passiert, sondern auch mit einem Bild der noch normaleren Familie Beimer aus der „Lindenstraße“ wie sie 1986 schlecht gelaunt am Küchentisch sitzt.

Altenbockum trauert in dem Artikel einer westdeutschen Welt nach, die schon vor der Einstellung der Fernsehserie untergegangen sein muss, in der Leistung noch was zählte, in der „Lehrjahre keine Herrenjahre“ waren. Ein Idyll: „Eine glückliche Ehe, keine Scheidung, eine intakte Familie, nicht nur an Weihnachten im Gottesdienst. Beide Eltern arbeiteten. Die Kinder gingen in einen Verein, spielten Fußball, spielten ein Musikinstrument.“

Und er stellt die Frage, was die „hart arbeitenden Leute“ davon haben, „dass sie den Laden zusammenhalten“. Obwohl sie die Dienste des Staates nie über Gebühr in Anspruch genommen haben, werden sie von ihm zunehmend in die Pflicht genommen; alles wird immer teurer, immer prekärer.

Was Altenbockums Artikel so ärgerlich und über den konkreten Kommentar hinaus so problematisch macht, ist ein Taschenspielertrick. Er setzt die „hart arbeitende Mitte“ der Gesellschaft gleich mit dem Begriff von den „normalen“ Menschen, als handele es sich um Synonyme. Dabei ist die Art, wie Altenbockum „Normalität“ definiert, äußerst exklusiv im Sinne von: ausschließend. Wer geschieden ist, gehört schon nicht mehr dazu, wer kinderlos oder alleinerziehend ist, auch nicht, wer homosexuell ist, erst recht nicht. Die Liste der Nicht-Normalen lässt sich aus dem, was Altenbockum schreibt, ergänzen um Vegetarier und Behinderte. Ausländer gehören mutmaßlich eh dazu, ohne dass das eigens erwähnt wird.

Dass die Politik die Sorgen derjenigen zu wenig im Blick hat, die durch ihre Arbeit und ihre Steuern alles am Laufen halten, ist eine nachvollziehbare Beschwerde. Aber Altenbockum kombiniert sie mit einem zutiefst reaktionären Blick auf die Gesellschaft und mit der Beschwerde, als normaler Mensch nicht mehr genug gewürdigt zu werden, gerade auch für seine Normalität. Warum sollte die Sorge um die „hart arbeitende Mitte“ der Gesellschaft nicht auch schwule Männer umfassen, sich abrackernde Migranten, geschiedene Familienmütter? Was hat die systemtragende Funktion braver Steuerzahler damit zu tun, welche Sexualität und welche Herkunft jemand hat und ob er Fleisch ist? Wieso können die nicht auch Bürger sein, die „alles richtig gemacht haben“?

Altenbockums Vorstellungen von „Normalität“ sind in einem Weltbild verankert, das bestenfalls aus den Fünfzigerjahren stammt und schlechterenfalls noch ein paar Jahre älter ist. Dass schon der Begriff der „Normalität“ problematisch ist, weiß er natürlich, aber er tut so, als werde nicht das Konzept kritisiert, sondern die Sache an sich.

Es behauptet, es gelte als „minderwertig, ja bedenklich, normal zu sein“, und begründet das damit, dass Soziologen es „strukturelle Gewalt“ bezeichnen, Normalität zum Maßstab zu erheben. Man würde eigentlich annehmen, dass ein leitender FAZ-Redakteur den Logikfehler in dieser Argumentation erkennt. Das Problem ist gerade nicht, wie jemand ist, sondern ob eine bestimmte Art zu sein zum Maßstab erhoben wird.

Altenbockum würde vermutlich von sich sagen, dass er nichts gegen Schwule hat. Aber er hat offenkundig etwas dagegen, dass Schwule inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft als normal gelten. Es ist ein wiederkehrendes Thema in seinen FAZ-Artikeln, dass er sich damit schwertut, dass andere Gruppen ihm die Exklusivität der Normalität nehmen.

Für ihn muss ein Gefühl der Kränkung damit verbunden sein, wenn er in den Medien lauter Leuten begegnet, die er als nicht normal empfindet. „Statt über die glückliche Familie mit Kindern wird über Patchwork, Scheidungen, Kinderlosigkeit, über ADHS, Alleinerziehende, Armut, Leihmütter kommuniziert“, klagt er und merkt nicht, dass es einen einfachen Grund gibt, warum darüber geredet wird: Damit auch geschiedene, arme Menschen mit ADHS als glückliche Familien mit Kindern leben können.

Man könnte über dieses Unverständnis lachen, wenn es nicht Teil eines größeren gesellschaftlichen Backlash wäre, in dem versucht wird, Normalität wieder exklusiv zu definieren und eine bevorzugte Behandlung einzufordern. Nicht zufällig nutzt die AfD diesen Begriff entsprechend in ihrem Politik- und Kulturkampf.

Auch sie profitiert von einer systematischen Vermischung zweier unterschiedlicher Themen: einerseits dem Gefühl, als „hart arbeitender Mensch“ oder „braver Steuerzahler“ nicht genügend Aufmerksamkeit und Lohn von der Politik zu bekommen oder sich, ganz grundsätzlich, trotz aller Anstrengungen das Leben nicht mehr leisten zu können. Und andererseits der Frage, wie sehr eine Gesellschaft Vielfalt und Diversität nicht nur zulässt, nicht nur toleriert, sondern tatsächlich als Normalität akzeptiert.

Man kann eine Debatte darüber führen, ob die Politik die Interessen der Leistungsträger in diesem Land gegenüber denen der Leistungsempfänger vernachlässigt. Aber wir können nicht darüber diskutieren, ob die Politik mehr für „normale“ Leute tun muss, ohne in Abgründen der Menschenfeindlichkeit zu landen. Selbst dann nicht, wenn der Begriff „normal“ so weit gefasst ist, dass er sogar Dr. Jasper Philipp Hans von Altenbockum umfasst, verheiratet, drei Kinder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert