Süddeutsche Zeitung
Es gibt sie noch, die guten Nachrichten, und diese wurde in der vergangenen Woche jedenfalls von vielen als eine solche behandelt: Das sehr rechte, sehr laute und immer wieder sehr falsche Medium Nius schreibt sehr große Verluste. Dessen Dachgesellschaft Vius hat 2024 bei einer Bilanzsumme von rund 7 Millionen Euro fast 16,2 Millionen Euro Miese gemacht, noch mehr als im Jahr davor. In den ersten zweieinhalb Jahren seit der Gründung im Herbst 2022 summierten sich die Verluste auf rund 33 Millionen Euro. Dass Nius nicht längst pleite ist, liegt nur daran, dass Hauptgesellschafter Frank Gotthardt, ein Unternehmer, der mit Gesundheitssoftware Multimillionär geworden ist, immer neues Geld nachschießt.
Nun ist das sicher eine erfreuliche Tatsache: dass eine Wutmaschine, wie sie der ehemalige Bild-Chefredakteur Julian Reichelt mit Nius geschaffen hat, nicht auch automatisch eine Geldmaschine ist. Aber bedeutet das wirklich, dass rechte Empörung nicht als Geschäftsmodell funktioniert? Oder kann es sein, dass der Aufbau von Nius für Gotthardt und Reichelt gar nicht kommerziell, sondern ideologisch getrieben ist?
Gotthardt selbst hat in einem Podcast mal gesagt, er habe das Medium „aus der staatsbürgerlichen Verantwortung“ gegründet, etwas gegen die angebliche Übermacht linker Medien zu tun. Die Formulierung ist aberwitzig, aber man darf schon annehmen: Den Erfolg von Nius misst der Investor nicht in erster Linie an der finanziellen Bilanz, sondern an der politischen.
Dass Medien wie Nius womöglich nur dank politisch getriebener Mäzene existieren, ist keine besonders beruhigende Nachricht, solange es genug politisch getriebene Mäzene gibt, die fähig und willens sind, sie zu finanzieren.
(Übrigens wäre Nius nicht das erste Medium, das trotz anhaltender Verluste am Leben bleibt: Springers Welt etwa hat jahrzehntelang keinen Gewinn gemacht. Axel Springer leistete sich sie als konservatives publizistisches Aushängeschild.)
Allerdings wirkt es natürlich ein bisschen schal, wenn Julian Reichelt so tut, als hätte das letzte Stündlein der etablierten Medien schon geschlagen, wenn die es im Gegensatz zu ihm schaffen, trotz schwieriger Umbrüche Gewinne zu machen. Und das sogar mit Journalismus.
Dass Nius „die Zukunft des Journalismus“ ist und von Spitzenpolitikern der Union auch als solche bezeichnet wurde, wie Reichelt gerade gegenüber dem Medium The Pioneer sagte, darf man ruhig als Hybris abtun.
Vielerorts wurde die Nachricht von den Nius-Verlusten kombiniert mit dem Hinweis, dass das populistische Medium gar nicht mal so populär sei. Auf der Basis von Hochrechnungen des IT-Unternehmens Similarweb hatte der Branchendienst Meedia gemeldet, dass das „Nischenmedium“ Nius im April nur auf Platz 171 der meistbesuchten Online-Medien in Deutschland landete. 3,5 Millionen Besuche seien ein Negativrekord in der jungen Geschichte der Seite. Vor knapp zwei Jahren hatte Nius schon einmal fast an der 10-Millionen-Marke gekratzt.
Das ist sicher keine Entwicklung, mit der Julian Reichelt zufrieden sein kann, insbesondere weil er bei der Klickmaximierung seines „emotionalen, gesellschaftspolitischen Reichweiten-Mediums“ keine Rücksicht auf journalistische Standards nehmen muss. Auch darin kann man ein gutes Zeichen sehen, dass die Zahl der Menschen doch überschaubar ist, die ununterbrochen in krassesten Worten und mit übertriebensten Beispielen erzählt bekommen wollen, wie alle außer der AfD verrückt geworden sind und das Land in den Untergang reiten.
Manche Kritiker folgern aus den Zahlen, dass dem Brüllmedium viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt werde; seine Relevanz sei doch offenbar sehr überschaubar. Es ist sicher richtig, sich immer wieder die Frage zu stellen, ob die kritische Auseinandersetzung mit Nius nicht auch ungewollte Werbung für Nius darstellt. Aber es wäre auch falsch, dessen publizistische Wirkung zu unterschätzen.
Wer nur die sinkenden Zahlen der Seitenbesucher betrachtet, übersieht etwa, dass der Nius-Kanal auf Youtube inzwischen über 500.000 Abonnenten hat. Die Abrufzahlen sind angesichts des technischen Aufwands, den Nius mit seinen Live-Shows im Studio betreibt, nicht überragend. Aber die Videos lassen sich auch auf anderen Plattformen ausspielen. Und dem jungen Nius-Redakteur Julius Böhm etwa folgen auf Tiktok rund 200.000 Menschen.
Nius weitet zudem seine Verbreitung als Radio-Sender aus: Das Programm ist seit Anfang des Jahres unter anderem auch in Nordrhein-Westfalen über DAB+ zu empfangen – zusätzlich zu Bundesländern wie Berlin, Brandenburg, Hamburg und Thüringen.
Gegen die Irrelevanz des vermeintlichen Nischenmediums spricht auch, dass sein polemisches Wörterbuch „Links – Deutsch“ es auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbuch-Paperbacks geschafft hat – auch wenn es schnell wieder aus den Top 20 verschwand.
Das alles spricht zwar nicht für einen raketenhaften Aufstieg zum neuen Massenmedium. Aber die publizistische Wirkung von Nius ist real: im Zusammenspiel mit der AfD, deren Weltsicht es verbreitet und für die es immer wieder Aufreger zum politischen Ausschlachten fabriziert. Und in der Art, wie es Debatten vergiftet und extrem rechte Personen und Positionen normalisiert.
Es ist angesichts der wirtschaftlichen Zahlen verführerisch zu glauben, man könnte Nius einfach wegignorieren, oder sich einzureden, man habe durch zu viel Aufmerksamkeit einen Scheinriesen erschaffen. Die bessere Strategie ist es, zu beobachten, mit welchen Methoden hier Meinung gemacht wird. Einer der Nius-Slogans lautet: „Wir geben Ihrer Stimme eine Mehrheit.“ Das klingt rätselhaft, aber man kann es ruhig als Warnung lesen.