Klatschvieh (3): Sehen und gesehen werden

Nur die Liebe zählt, Köln, 1999.

„Als das Saalpublikum ins Fernsehen kam, war ein Stimmungsaufheller, eine belebte Kulisse von Menschen gefunden, die dem Bühnengeschehen Ereignischarakter geben und es durch Augenzeugenschaft beglaubigen sollten, Repräsentanten derer zu Hause, mit dem Unterschied, dass die im Saal erst abgefüllt und aufgepeitscht, dann der Realität eines Geschehens ausgesetzt wurden, das der Zuschauer daheim nur vermittelt erlebte. Am Saalpublikum sollte er sich entzünden, in dessen Freude sollte er die eigene wiederfinden, auch wenn zunächst keine Freude aufrichtiger schien als die der Lust, selbst im Fernsehen zu sein.“

Roger Willemsen in „Audience“.

Oliver Geissen, Köln, 2006.

Seit 1999 fotografiert Egbert Trogemann das Publikum in Fernsehstudios. Mit einer schweren Plattenkamera auf einem Stativ stellt er sich vor Beginn der Aufnahme in die Mitte und zeigt das Publikum aus einer Perspektive und in einer Situation, die die Zuschauer zuhause sonst nicht sehen: noch nicht animiert, aber unverkennbar Teil der Dekoration. „Audience“ heißt das Projekt, und Trogemann beschreibt seine Tiefe so:

Es begegnen sich Blicke, treten in ein Wechselspiel von Sehen und Gesehen werden — im Blick geschieht die Begegnung mit dem Anderen. Dieses Andere zeigt sich als Ambivalenz von Homogenität und Heterogenität, zwischen Individualität und Auflösung im Raum. So verweisen diese Arbeiten auch in Auseinandersetzung mit Gruppenportraits auf Diskurse um Subjekt und Masse.

Unbedingt groß klicken!

Hast Du Töne, Köln, 2000.

5 gegen 5, Köln, 2006.

Berlin Mitte, Berlin, 2008.

Absolut Schlegel, Köln, 2002.

Dancing on Ice, Köln, 2006.

(Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Fotografen.)

Ein Buch mit rund 60 Aufnahmen und mehreren philosophischen und mediengeschichtlichen Texten ist vor kurzem im Hatje Cantz Verlag erschienen.

Noch bis zum 27. April 2014 zeigen die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum die Ausstellung „Audience“.

16 Antworten

  1. Auffällig ist, wie wenige Menschen da häufig tatsächlich sitzen. Das wirkt im Produktionsresultat im Fernsehen durch die gewählten Perspektiven immer viel opulenter.

  2. @nona/4

    Ja, toll, nicht ? Ich hatte in einer der Vorversionen der ‚Klatschvieh‘ Kommentare mal gefragt, wer sich sowas denn eigentlich antut und sehe nun dass eine Antwort heisst ‚Nicht viele‘.
    Das gibt mir ja wirklich ein klitzekleines Stück Vertrauen in die Menschheit wieder .

  3. Habe das Gefühl die meisten Leute können sehr genau abschätzen wie gut ihre Sendung ist. Eigentlich auch auffällig, dass man bei so unbekannten oder einfach nur schlechten Sendungen selten mal den Blick ins Publikum bekommt, der einen Eindruck über dessen Größe hinterlassen könnte, während das bei Geld oder Liebe, der hunderttausend Mark Show, oder heute zum Beispiel Schlag den Raab üblich war/ist. Wobei witzigerweise die beiden erstgenannten das Publikum sogar ab und zu aktiv eingebunden haben.

  4. Endlich mal jemand, der diese Menschen zu würdigen weiß. Auch wenn ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen hinter der Kamera oft zu dem Schluss komme, dass viele von ihnen sich wohl nicht so schlecht fühlen wie wir manchmal glauben. Ich war vor kurzem bei einer Sendung tätig, bei der die „Statisten“ von der Diskussion der Promis kaum etwas mitbekommen konnten. Trotzdem warten sie, wie mir hinterher gesagt wurde, etwa ein Jahr auf eine Karte. Skurril, aber vielleicht ist das Gefühl, im Fernsehen zu sein, doch toller als man glaubt.

  5. TV-Shows sind doch heute die Kanonade von Talmi – man kann sagen, man wäre dabei gewesen (und dann natürlich – wie es der alte Goethe schon machte – sich seine Erinnerungen gefällig verfälschen).

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