Süddeutsche Zeitung
Es ist eine wilde Reihe von Gästen, die sich Florian Schroeder für seine neue ZDF-Late-Night-Show vorstellt. Als mögliche Kandidaten für den rund 15-minütigen Einzeltalk, der Teil der Sendung ist, zählte eine interne Präsentation unter anderem Alice Weidel, Gabriele Krone-Schmalz, Ulf Poschardt, Hartmut Rosa, Boris Palmer und Peter Thiel auf.
Das waren nur Wunschgäste, die das Konzept und die Temperatur des neuen Formates verdeutlichen sollen, Stand: Februar 2026. Aber einer, der tatsächlich eingeladen wurde, war offenbar Julian Reichelt, geschasster Bild-Chefredakteur und Chef des extrem rechten Agitationsmediums Nius.
Ende September erhielt Reichelt eine entsprechende Anfrage von einem Redakteur der Sendung. Er sollte in der Folge, die am 18. November in Berlin aufgezeichnet werden soll, der Gast für das Einzelgespräch sein. Das Thema sollte sein: „Die politische Lage und Kultur in Deutschland nach den Landtagswahlen sowie die Bedeutung von Nius im politischen Betrieb.“ Ein Screenshot der E-Mail-Anfrage liegt der SZ vor.
Nach Angaben von Reichelt fragte die Redaktion drei Tage später an, ob er auch Gast in der Premierensendung sein könne, die am 29. Oktober online veröffentlicht wird. Reichelt sagt, er habe zugesagt. Doch in der vergangenen Woche sei er dann, nachdem die SZ das Konzept der neuen Sendung öffentlich gemacht hat, wieder ausgeladen worden. Reichelt vermutet einen Zusammenhang.
Öffentlich beschreibt das ZDF seine neue Late-Night-Show als „anarchisch, verspielt und zugänglich“. In der internen Präsentation des Konzeptes klingt es deutlich politischer – und nach einer klaren Stoßrichtung. Das „Journal Deluxe“ „versteht sich als Contrapunkt zu allen gängigen Comedy-Formaten und setzt an bei der Kritik an denen, die sonst selten kritisiert werden: Grüne, Linke & Co.“, heißt es darin.
Die Behauptung, dass Grüne und Linke sonst selten kritisiert werden, löste bei vielen Kommentatoren Verblüffung aus. Aber in Zeiten, in denen Rechtsextremisten in Deutschland rasant Einfluss und Macht gewinnen, als öffentlich-rechtliches Satireformat besonders die Linke ins Visier zu nehmen, erschien auf erschreckende Weise konsequent. Ein Gast wie Julian Reichelt, der mit viel Geld eines Milliardärs im Rücken seit Jahren daran arbeitet, durch ungehemmte Skandalisierung und Emotionalisierung die Politik nach rechts zu rücken, würde diese Positionierung in besonderer Weise symbolisieren, noch dazu in der Premierensendung.
Das ZDF hat die Einladung Reichelts auf SZ-Anfrage nicht ausdrücklich bestätigt, aber auch nicht dementiert. Es teilt nur mit: „Wie bei jedem neuen Format fließen während der Entwicklung unterschiedliche Ideen ein. Die Finalisierung einer Sendung beruht dabei auf einem mehrstufigen Prozess, in dem Überlegungen nach redaktionellen Gesichtspunkten ausgewertet und überarbeitet werden.“ Das ist eine maximal vernebelte Nicht-Antwort auf die Frage, warum Reichelt ein guter Gast für die neue Sendung wäre und warum seine Einladung dann widerrufen wurde.
Schroeder inszeniert sich seit Jahren als jemand, der in alle Richtungen gleichermaßen austeilt und keinerlei Berührungsängste hat. Im März 2024 besuchte er Reichelt auch in dessen Show „Achtung, Reichelt!“ – ein Auftritt, den er als „totale Eskalation“ und „ultimativen Showdown“ auch auf seinem Youtube-Kanal verbreitet und damit ein Vielfaches der üblichen Abrufzahlen erreicht.

Schroeder bei Reichelt
Er fragte Reichelt darin, warum er sich nicht schäme, „in einer Zeit, in der die AfD bei über 20 Prozent liegt, diesem Denken auch noch Vorschub zu leisten“. Und ob er kein schlechtes Gewissen habe, „wenn der Laden hier“ (gemeint ist: Deutschland) „an die AfD fällt, weil Sie zweimal pro Woche genau dazu beigetragen haben, aber so getan haben, als wollten Sie die CDU nach rechts rücken.“
Er warf Reichelt vor, einem „Grünen-Wahn“ zu erliegen und inkonsequent zu sein, weil er Antisemitismus von rechts nicht widerspreche. Aber er sagte zu Reichelt in seinen umständlichen Versuchen, vor der Kritik eine Brücke zu bauen, auch: „Sie sind rechts und konservativ. Ich find’s gut. Ich finde Ihre Position gut.“ Er beschrieb ausführlich, wie nett und intelligent der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner sei, bevor er sagte, dass er ihn für gefährlich halte und die AfD auch.
Am Ende bot er Reichelt an, mit ihm eine „Friedenspfeife“ zu rauchen, was sich als Gag entpuppte, um ihn zum Schnupfen eines nach Kokain aussehenden Pulvers zu animieren.
Hinterher erklärte er den Besuch bei Reichelt im Interview mit dem Branchendienst Medieninsider so: „Ich bin aus meiner Filterblase herausgekommen und habe in das Lager gesendet, in das ich sonst nicht senden kann.“ Wenn man den Gedanken umkehrt, wäre die Einladung von Reichelt in die neue Show eine Chance für den Nius-Chef gewesen, aus seiner eigenen Filterblase herauszukommen und dank ZDF neue Zielgruppen zu erschließen.
Mit dem Bayerischen Kabarettpreis ist Schroeder vor zwei Jahren unter anderem dafür ausgezeichnet worden, dass er ein „Brückenbauer“ sei. Die Brücke zu einem der lautesten und radikalsten rechten Publizisten des Landes fiel dann aber doch dem mehrstufigen Auswertungs- und Überarbeitungsprozess der ZDF-Satire-Abteilung zum Opfer.