Süddeutsche Zeitung
Der Campingplatz in Prerow auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst ist legendär. Generationen von Ostdeutschen haben hier ihren Sommerurlaub nackt in den Dünen verbracht. Als „schönsten Campingplatz an der Ostsee und einen der bestgelegenen in Deutschland“ bezeichnet ihn die Bild-Zeitung, was es nicht automatisch falsch macht.
In den vergangenen Jahren hat das Gelände allerdings viele negative Schlagzeilen gemacht. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat dem langjährigen Betreiber gekündigt: der Regenbogen AG, einem Unternehmen aus der Nähe von Kiel, das mehrere Ferienanlagen in Deutschland betreibt. Die Kündigung hat juristische Auseinandersetzungen ausgelöst, die bis heute andauern, und auch für die Urlauber vor Ort zu Beeinträchtigungen und Unsicherheiten geführt.
Die Sache ist kompliziert – rechtlich, politisch und praktisch. Es geht um fehlende Investitionen, um ein nicht umgesetztes, ambitioniertes Neugestaltungsprojekt, um widersprüchliche Pachtverträge. Aber die Geschichte lässt sich auch ganz einfach erzählen: mit der Regenbogen AG in der Rolle eines bösen Konzerns, der versucht, noch den letzten Euro aus dem Gelände zu pressen, ohne dabei auf Dinge wie Naturschutz oder die Gesundheit der Urlauber Rücksicht zu nehmen.

Besonders laut hat diese Version der Geschichte die Bild-Zeitung erzählt, und das jahrelang in immer neuen Geschichten über weitere vermeintliche Skandale. Im November 2023 berichtete ihr Redakteur Frank Ochse erstmals im Blatt von einer „schmutzigen Schlacht“ um den Campingplatzp. Ochse ist den Lesern des Blatts als „BILD-Sparfochs“ bekannt, der ihnen „beim Sparen und der Geldvermehrung“ helfen und „Ungerechtigkeiten, Tricks oder Abzocke“ aufdecken soll.

In mehr als einem Dutzend Artikeln arbeitete er sich an angeblichen Ungerechtigkeiten im Umgang mit den Urlaubern auf dem Campingplatz Prerow ab. Was die Bild-Leser nicht erfuhren: Ochse ist persönlich betroffen. Seine Frau Yvonne K. ist eine der Dauercamperinnen. Sie stritt sich mit der Regenbogen AG, über die ihr Mann in Bild immer wieder kritisch berichtete, über angebliche Mängel auf dem Platz und forderte im Februar 2025 über einen Anwalt eine teilweise Rückzahlung ihrer Mietkosten. Im Mai 2025 zog sie gegen die Firma vor Gericht.
Für die Regenbogen AG war der Prozess eine von mehreren kleineren juristischen Auseinandersetzungen mit Campern, in denen es um ausstehende Zahlungen oder Ansprüche auf Erstattungen geht. Aber als Patrick Voßhall, einer der beiden Vorstände, am 23. April 2026 zur Verhandlung im Amtsgericht Kiel erschien, traute er seinen Augen nicht. Erschienen für die Klägerin war Frank Ochse, Leiter des Bild-Ressorts „Sparfochs & Leser-Dialog“, hier allerdings in seiner Funktion als Ehemann der Klägerin.
Marc Voßhall, der Bruder von Patrick Voßhall und Co-Vorstand der AG, sagt, man habe sich seit Jahren schon über die Art, wie Bild und Frank Ochse über das Thema berichteten, geärgert und gewundert. Die Berichte seien nicht nur einseitig verzerrt und polemisch, sondern immer wieder auch schlicht falsch gewesen.
Viele Vorwürfe, die Bild erhoben hat, hat die Regenbogen AG im Laufe der Jahre auch öffentlich zurückgewiesen. „Diese Berichte sollen nicht nur unserer Glaubwürdigkeit schaden, sondern führen auch die Öffentlichkeit und unsere Gäste in die Irre“, schrieb sie etwa im November 2024 in einer Pressemitteilung. Es ging damals unter anderem um den Abtransport mobiler Einrichtungen, nachdem ein Räumungsurteil gegen die Regenbogen AG ergangen war. Frank Ochse hatte in Bild von einer „heimlichen“ Demontage geschrieben, die die Nutzung quasi unmöglich machte.
Die Regenbogen AG warf Bild „fragwürdige journalistische Methoden“ vor. Frank Ochse fügte seinerseits dem Superlativ von Deutschlands wohl schönstem Campingplatz einen weiteren hinzu und nannte Marc Voßhall „Deutschlands wohl umstrittensten Campingplatz-Chef“. In der Überschrift eines Artikels fragte er: „Prerow-Camp, Millionen, Sympathien: Was verliert der Regenbogen-Chef noch?“
Immer wieder habe Ochse in seinen Berichten das Vorgehen der alten Betreiber falsch dargestellt oder in unseriöser Weise skandalisiert, sagt Marc Voßhall. Auch ein zur Klärung vereinbartes Hintergrundgespräch mit ihm habe nichts verbessert. „Uns wurde von Experten gesagt, das sei halt die typische Art von Bild, Konflikte auszuschlachten, und nichts Persönliches.“ Erst als Ochse plötzlich als Vertreter seiner Frau vor Gericht erschien, habe man im Nachhinein erfahren, dass es womöglich doch auch etwas Persönliches hatte.
Frank Ochse hat auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung nicht reagiert. Ein Bild-Sprecher erklärt, dass die Berichterstattung über die Auseinandersetzung zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern und dem ehemaligen Betreiber des Campingplatzes von großem öffentlichem Interesse gewesen sei: Sie „wurde auch von anderen Medien wie dem NDR oder der Ostseezeitung in vergleichbarer Weise dargestellt. Der Betreiber wurde angefragt und kam in allen Beiträgen ausführlich mit einer eigenen Aussage zu Wort“.
Darüber kann Marc Voßhall nur lachen. Er zeigt extrem konfrontative E-Mail-Anfragen mit drohendem Tonfall; manchmal setzte Ochse Antwortfristen von wenigen Stunden. „Bild waren immer die Schärfsten“, sagt er und meint, dass ihre Art der Berichterstattung sicher auch Eindruck auf die anderen Akteure in dem Streit gemacht hätte.
Bild aber sagt: „Ein möglicher Interessenskonflikt durch das Campen der Frau des Redakteurs hat die Berichterstattung insofern augenscheinlich nicht berührt.“ Dies betreffe auch die spätere private Klage seiner Frau, über die Bild nach Angaben ihres Sprechers allerdings nicht informiert war. „Wäre uns diese bekannt gewesen, hätten wir jeden möglichen Anschein vermieden und dies gegenüber unseren Leserinnen und Lesern wie üblich transparent gemacht. Eine weitere Berichterstattung wäre nicht mehr durch den Redakteur erfolgt, wie dies in unseren redaktionellen Leitlinien klar verankert ist. Darauf haben wir den Redakteur seitens Compliance auch noch einmal explizit hingewiesen.“

Im Verhaltenskodex des Berliner Unternehmens steht: „Jeder bei Axel Springer achtet darauf, persönliche und private Interessen von denen des Unternehmens zu trennen.“ In einer internen Bild-Broschüre heißt es unter der Überschrift „Unsere Haltung – Unabhängig. Mutig. Menschlich. Wahrhaftig“:
„Der Zweifel ist unser Motor. Auch deshalb stellen wir uns Fragen: (…) Was sollte der Leser über den Autoren und die Entstehung der Geschichte wissen? (…) Wir tun alles, was wir können, um das Vertrauen unserer Leser nicht zu enttäuschen.“
Trotzdem scheint man bei Axel Springer in der augenscheinlichen Vermischung persönlicher und privater Interessen nur eine Lappalie zu sehen: Erst vom Zeitpunkt der Klage seiner Frau an will man überhaupt ein Problem in Ochses Doppelrolle erkennen. Weitere Konsequenzen scheint deren Verschweigen für ihn nicht zu haben.

„Bild kämpft für Sie“, stand in Ochses E-Mail-Signatur, als er die Regenbogen AG zum ersten Mal mit „Beschwerden“ von Campern konfrontierte. Was sich etwas anders liest, wenn man weiß, dass in diesem Fall damit womöglich auch seine Ehefrau gemeint ist.