Frankfurter Allgemeine Zeitung
Auch ein Volk, das im Schnitt dreieinhalb Stunden täglich vor dem Fernseher verbringt, verblödet nicht vollständig. Im Gegenteil: Die Menschen werden zu Experten, Fachgebiet Fernsehen. Sie wissen genau, was sie zu erwarten haben, wenn in einem Programm ein Kind Feuerwerkskörper entdeckt, jemand Fliesen mit extra viel Schmierseife reinigt. Im Zweifel haben sie schon als Kind gesehen, wie Kermit mit Grobi „Was passiert dann?“ spielt und ihm ein Bild hinhält, auf dem ein Mann kurz davor ist, auf eine Bananenschale zu treten. Tragisch nur, daß das Fernsehen selbst diese Kompetenz nicht nutzt. Die meisten Serien tun, als habe der Zuschauer bisher in einer fernsehlosen Welt gelebt oder würde sich über alte Witze freuen wie über das Wiedersehen mit einem guten Bekannten. Welche Verschwendung!
Nicht, daß „Malcolm mittendrin“ auf das Repertoire von Standardsituationen verzichtete – dazu sind sie viel zu wertvoll. Sie werden nur auf das Nötigste verknappt. Würde in „Malcolm mittendrin“ ein Junge auf einer Bananenschale ausrutschen, ginge das etwa so: Schale auf der Straße, Schnitt, Eltern besuchen Jungen im Krankenhaus.
„Wehe, du faßt das an, Dewey“, sagt die Mutter im Sportgeschäft zum sechsjährigen Sohn, der mit großen Augen vor einem riesigen Basketballkorbständer steht. „Mach ich ja gar nicht!“ Eine Minute später sehen wir fast beiläufig, wie das Ding umfällt und, soweit man das aus der Entfernung erkennen kann, diverse Menschen und Warenarrangements unter sich begräbt. Eine weitere Minute später versinkt der Laden im Chaos, der Vater wird als Sittenstrolch verhaftet, weil er sich aus der Umkleide ausgesperrt hat, in einer zu knappen Badehose dasteht, die er seiner Frau zeigen wollte (die ihm für den Urlaub eh lieber was Schlabbriges kaufen wollte, weil sie ihn dann nicht so oft rasieren muß), und Sohn Malcolm ihn verleugnet, um sich vor einem Mädchen, das er beeindrucken will, nicht zum Affen zu machen.
„Malcolm mittendrin“ mit Frankie Muniz in der Hauptrolle ist vielleicht die schnellste Familienserie der Welt. In 23 Minuten steckt genügend Handlung für einen Spielfilm. Dadurch, daß sie auf allen Ballast verzichten, den der geübte Fernsehgucker ohnehin mitdenkt, können die Autoren mehrere Geschichten parallel erzählen und auf jede Pointe noch eine Wendung draufsetzen. Und die besten Witze erzählen sie zwischen den Zeilen – schließlich ist kein gefilmter Ausrutscher auf der Banane so witzig wie unsere Vorstellung davon im Kopf.
Malcolm ist zwölf und kann sich sowenig wie die anderen erklären, wie es angesichts dieser Familie passieren konnte, daß er hoch begabt ist. Der älteste Bruder ist gerade aus dem Militärinternat ausgerissen, um auf eine phantastische Geschäftsidee in Alaska hereinzufallen. Der nächste ist ein beschränkter Schlägertyp, der jüngste ein beschränktes Weichei. Die Mutter ist hysterisch, aber hält den Laden zusammen, der Vater abwechselnd geistig abwesend und überfordert. Es sind groteske Figuren, die im Wahnsinn leben, der aber beunruhigenderweise immer nur einen kleinen Schritt von unserer Realität entfernt scheint. Als Dewey im Urlaub am Strand sich von einem Seil weit ins Meer schwingen will, wie er es vorher bei großen Jungs beobachtet hat, sich aber nicht traut, das Seil loszulassen, hängt er stundenlang in der Sonne überm Wasser, bis die Mutter kommt und versucht, ihn zu überreden, endlich loszulassen. Dann wirft sie mit Steinen auf ihn.
„Malcolm mittendrin“ ist Comedy für Fortgeschrittene. Nicht elitär oder intellektuell, gerne albern und ordinär, aber immer clever (und hervorragend synchronisiert). Eine Folge erzählt den Bowling-Besuch der frühpubertierenden Brüder Malcolm und Reese parallel in zwei Varianten: Einmal geht der Vater mit und die Mutter hütet den Jüngsten, einmal umgekehrt. „Sind hier keine Aufpasser“, schreit die Mutter, als sie beim Bowlen ankommt. „Die Hormone kann man mit dem Messer schneiden.“ Sie beschließt, sich keinen Meter zu entfernen. „Was für Eltern würden ihre Kinder hier sich selbst überlassen.“ Schnitt. „Tschüs“, ruft der Vater den Jungs und Mädchen zu, „ich seh‘ euch in ein paar Stunden!“