Glauben wir nur, was wir glauben wollen? Und wie ändern wir das?

Die Welt ist kompliziert. Sie ist unübersichtlich, widersprüchlich, schwer zu durchschauen. Eigentlich sollen Medien uns dabei helfen, sie zu verstehen. Aber die Medienwelt ist leider auch kompliziert. Unübersichtlich, widersprüchlich, schwer zu durchschauen.

Früher, bevor es das Internet gab, war die Medienwelt übersichtlicher. Nicht unbedingt besser, aber übersichtlicher. Heute gibt es eine überwältigende Menge an Quellen und Meinungen. Es gibt hervorragende Informationen und krasse Desinformationen. Es ist leicht, auf Falschmeldungen hereinzufallen. Und weil wir dank Social Media alle nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sind, werden Menschen auch selbst schnell zu Verbreitern von Falschmeldungen.

Es gibt etwas, das dagegen helfen könnte: Medienkompetenz. Menschen können lernen, Manipulationen besser zu erkennen, skeptisch zu sein, Quellen zu überprüfen. Das hilft beim alltäglichen Umgang mit Medien und Informationen. Und auch beim Kampf gegen groß angelegte Desinformationskampagnen.

Es gibt allerdings ein Problem: Im Zweifel sind wir davon überzeugt, dass es die anderen sind, die Nachhilfe auf diesem Gebiet benötigen. Wir sehen jeden Tag, wie andere Leute mit anderen Meinungen auf Finten hereinfallen. Wie sie zweifelhaften Quellen folgen. Wie sie ungeprüft glauben, was ihnen in den Kram und ins Weltbild passt. Wie sie in einer Blase stecken. Wie sie sich Wahrheiten zurechtbiegen, die für sie unangenehm sind, damit sie ihre Positionen nicht ändern müssen.

Uns selbst trauen wir dagegen zu, weniger solche Fehler zu machen. Unsere Quellen halten wir eher für zuverlässig, unseren Umgang mit Nachrichten für rational, unser Weltbild für stimmig, überzeugend und wohlbegründet.

Sind wir wirklich besser informiert als die anderen? Stecken wir nicht genauso in einer Bubble? Glauben wir auch nur, was wir glauben wollen?

Diesen Fragen bin ich Anfang des Jahres für das Österreichische Magazin JETZT nachgegangen. Und habe ziemlich ernüchternde Antworten bekommen.

Ich habe zum Beispiel die Medienpsychologin Silvia Knobloch-Westerwick von der Technischen Universität Berlin gefragt, ob ob wir so rational sind, wie wir glauben: dass wir gute Quellen suchen und verlässliche Informationen. Und sie hat sofort geantwortet: „Das ist eine Illusion, würde ich kurz sagen.“

Ich habe mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen gesprochen. Es sagt: „Wir sind bestätigungssüchtige Wesen, anthropologisch gesprochen.“ Das Internet sorge dafür, dass man „aus der Fülle der Gesichtspunkte, der Perspektiven und der Daten und Dokumente dasjenige aussuchen kann, was es einem erlaubt, die eigenen Standpunkte umso rationaler zu fundieren.“

Silvia Knobloch-Weserwick hatte dazu noch die beunruhigende Bonus-Pointe, dass „Leute, die höher gebildet sind, intelligenter sind, mehr kognitive Ressourcen haben, fast noch besser darin sind, ihre Meinungen sozusagen zu schützen vor gegenläufigen Informationen. Also, man würde ja eher so denken: Wenn man besser gebildet ist, dann fällt mir da nicht so drauf ein oder so, aber unsere Studien zeigen, jemand mit mehr kognitiven Ressourcen kann besser auswählen (…) um sich vor anders gelagerten Informationen sozusagen zu schützen.“

Der Philosoph Matthias Warkus von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena hat mir erklärt, dass ein guter „kritisch-rationaler Diskurs“ dadurch gekennzeichnet ist, dass immer auch in Betracht gezogen wird, dass man sich vielleicht geirrt hat und eine Überzeugung revidieren kann. Leider revidieren wir unsere Überzeugungen wahnsinnig ungerne. Wir sind, wie Warkus sagt, als Einzelpersonen unheimlich fehlbar und „epistemisch faul“.

Und Dirk von Gehlen, der sich für das Institut der „Süddeutschen Zeitung“ kluge Gedanken macht, hat mir gesagt:

„Meine Meinung zu ändern, also zu sagen, ich war gestern dieser Ansicht und ich bin übermorgen einer anderen, das ist die Besonderheit einer freien Gesellschaft, das ist das große Privileg. Meiner Einschätzung nach machen wir davon fast nie Gebrauch, weil es etwas gibt, was uns eben ein ganz wahnsinnig wohliges, tolles Gefühl gibt: nämlich auf der richtigen Seite zu stehen. Und das verfestigt Meinungen, völlig egal, ob das Algorithmen tun, ob das irgendwelche Big-Tech-Leute tun, das haben wir einfach selber in uns, das Grundgefühl, gerne auf der richtigen Seite zu stehen.“

Logo re:publica26

Dirk hatte die Idee, dass es sich lohnen könnte, über das, was sich daraus ergibt, noch länger zu reden und gemeinsam nachzudenken: auf der re-publica. Und das tun wir jetzt, am kommenden Montag, um 13:45 Uhr auf Stage 2. Es ist kein Vortrag und keine Präsentation. Wir kommen nicht mit Antworten, sondern vor allem mit Fragen. Wir wollen ein Gespräch darüber führen, wie wir alle besser ins Gespräch kommen – und offen bleiben oder werden für Informationen, die unsere Vorurteile, Meinungen oder Überzeugungen in Frage stellen.

Kommt und redet mit! Oder schreibt eure Gedanken dazu hier in die Kommentare.

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